Wednesday, May 17, 2006

DER MANN In der PASEO DEL PRADO






Am Abend erzahlte ich Georg yon meiner Bekanntschaft mit Juan.
Georg schien mil etwas eifersiichtig, deshalb erwahnte ich nichts
yon den zwei Kiissen (dos besos), die er mir mit kiihlen Lippen auf
die Wangen gedriickt hatte.

Wie uhlich hatte ich einen langen Tag vor mir. Moge niemand Neid
empfinden, wenD ich sage, daB ich sehr viel Zeit babe, obwohl aIle
Menschen pro Tag ausnahmslos 24 Stunden zu ihrer Verfligung haben.
Fur mich ist ein Tag mehr als die Zeit yon Sonnenaufgang his Son-
nenuntergang. An jenem Morgen schlief floch, als ich einen warmen
KuB auf meiner Stirn flihlte. "Bis dann, Liebes," flusterte Georg,
mein Mann. Der Duft seines Aftershaves Emporio yon Armani und
das Rascheln seines Anzuges sind an jedem Morgen die ersten Ein-
driicke, die meine flinf Sinne wahmehmen, gefolgt yon dem Ge-
~ Tausch seiner Schritte beim Verlassen des Hauses und des sich
., entfernenden Autos.

Danach gehort der ganze Tag mir allein. Ja, mir allein. Ich bin 45
Jahre alt, Georg ebenso. WiT sind seit 15 Jahren verheiratet und
haben keine Kinder. Erstaunlicherweise sind wiT wegen der Kinder-
losigkeit weder traurig noch vermissen WiT etwas. Vielleicht,
weil WiT sehr individualistisch sind. Georg ist auBerst engagiert
in seinem Job, und ich genieBe jeden einzelnen langen Tag, wenn-
gleich ich gelegentlich schon etwas Langeweile empfinde. Und
obwohl die Stadt Madrid an jedem Tag ab dem friihen Morgen
voller Leben ist, die StraBen voller Fahrzeuge und die Gehwege
voller Menschen sind, die ihrem Arbeitsplatz zustreben, die ToteD
Busse mit Fahrgasten uberfiillt, und die Untergrundbahnen, die
bier Metro heiBen, die Passagiere in ihrer Buro- oder sonsti-
gen Arbeitskleidung in aIle Richtungen Tasch an ihren Arbeits-
platz bringen, ist mein Tag vollig ohne Hektik.

-Erst um 10.00 Uhr klingelt mein Wecker. Ich stehe auf und bereite
.~ heiBes Wasser flir einen Milchkaffee. Dann setze ich mich auf die
Couch im Wohnzimmer und sehe aus dem breiten Fenster auf die
geschaftige Stadt Madrid hinunter. Zwei Stunden spater gehe ich
duschen, dann vergewissere ich mich, ob in der Wohnung alles in
Ordnung ist oder ich irgenwo Hand anlegen muBte. Alfdann nehme
ich meine allmglich Betriebsamkeit auf: beim Spazierengehen
die Stadt genieBen. Die einzige Beschaftigung, die mich nicht
langweilt, sind Museumsbesuche. Ich gehe die schattige Paseo del
Prado entlang, genieBe den Anblick der Springbrunnen im Park,
die weiBgrauen Statuen oder sitze einfach nUT auf einer der Holz-
banke und schaue den StraBenmalern zu' die ihre Werke verkaufen.
Gemalde sind unsere groBte Leidenschaft. Ich gehore zu den stan-
digen Besuchem des Museum del Prado und des Museum Reina Sofia
in Madrid. Beide beherbergen unterschiedliche Kollektionen, sind
abeT gleichermaBen wichtig rur das chronologische Verstandnis
der Kunstgeschichte.

Der Prado ist mehr auf klassische Gemalde ausgerichtet und den
Stil der Realisten, wie ihn die Werke van Goya oder Velazquez
verkorpem, wohingegen die Kollektion des Reina Sofia-Museums
die Modeme beherbergt, angefangen van der Ara Picassos bis zur
Pop-Art eines Andy Warhol. Da beide Museen einander gegeniiber
liegen, setze ich mich meist in das zwischen beiden liegende Cafe
und genieBe ein Stiick Apfelkuchen mit einer Tasse Cafe con leche,
lese in einem Buch oder einer Zeitschrift und iiberlege dabei, rur
.welches der beiden Museum ich mich an dem jeweiligen Tag ent-
scheide.

Es stimmt, meine Tage bestehen aus unendlich viel Zeit und sind
ohne jede Hektik, was andere Leute moglicherweise mit Neid er-
rullt. Gliicklicherweise ist dies bei Georg nicht der Fall, obwohl
die ihm zur Verrugung stehende Zeit weitaus bemessener ist als
meine, denn er ist an sein Biiro gebunden. In der Mittagspause
TUft er mich gewohnlich an.

"Hallo, Liebes, was machst du gerade?"

Und ich antworte so unbeschwert als moglich: "Heute babe ich mich
rur die Werke van Alexander Cadler im Reina Sofia-Museum entschie-
den" oder "heute bleibe ich einfach zu Hause und probiere ein neues
Rezept aus."

Und Georg lacht und antwortet:"Gut, das freut mich zu horen, roach
8 dir einen schonen Tag." So reagiert er zu meiner Freude immer.
Am Nachmittag TUft er emeut an:"Liebes, ich bin in 15 Minuten zu
Hause. Kochst du rom Abendessen oder essen WiT auswarts?"
Manchmal frage ich dann:"Was wiinschst du dir denn?"
"Natiirlich ist dein Essen immer lecker, abeT wenn du beschaf-
tigt bist oder keine Lust rom Kochen hast, essen WiT im Restaurant.
"Ich und beschaftigt?" Da kann ich nUT lacheln. Manchmal babe
ich in der Tat viel zu tun, indem ich am gleichen Tag van einer
Kunstausstellung zur nachsten gehe. Ich genieBe die Farblinien
auf der Leinwand, die sich van Kiinstler zu Kiinstler unterscheiden.

Oder ich lade ein paar Bekannte rom Mittagessen ein und WiT reden
fiber Kunstausstellungen. Aber beschaftigt sein ist bei mir nicht
das gleiche wie bei Georg. Mein Beschaftigtsein liegt mehr darin,
meine langen Tage auszurullen mit Aktivitiiten, die ich mir selbst
suche.

Wie an diesem Tag, wo das Wetter schon G't, weil die Sonne hell
scheiDt. Ich sitze auf der Couch im Wo~mmer und walze Zeit-
schriften des Touristeninformationsamtes ~ bin und her, urn
etwas zu tindell, womit ich den Tag ausrullen kann. Da ist etwas!
Eine Ausstellung zeitgenossischer Gemalde des spanischen MaIers
Javier Menendez im Thyssen-Bomemisza-Museum. Ich beschlieBe,
Monika, meine Nachbarin, zu fragen, ob sie mit in die Ausstellung
kommt, obwohl es meist darauf hinauslauft, daB ich doch allein
'8 gehe.

Ich rufe Monika an, sie hat ihr Kind gerade in der Schule abgesetzt
und ist jetzt auf dem Weg rom Supermarkt. "Ich komme abeT mit,"
sagt Monika mit hektischer Stimme, weil sie unterwegs ist. "War-
test du auf mich auf eiDer Bank in der Paseo del Prado, wie tiblich?"
Die Paseo del Prado kann man als schonste StraBe der Stadt be-
zeichnen. Rechts und links befinden sich die Fahrbahnen fUr den
motorisierten Verkehr, der Mittelstreifen ist speziell fUr FuBganger
reserviert. 1m Friihling und Sommer finden oft Kunstausstellungen
mit weiBen Pavillions entlang der Paseo del Prado statt. Ich setze
mich auf meine Lieblingsbank vor dem Prado, wahrend ich die
Strahlen der Sonne genieBe und auf Monika warte. Es vergehen
zehn Minuten, zwanzig Minuten, abeT sie taucht nicht auf. Der
juDge Mann, der auf eiDer Bank in meiner Nahe sitzt, lachelt mich
an, als ob er meine Unruhe ahnt.

8 Kurz darauf klingelt das Telefon. Es ist Monika. "Santi, entschul-
dige, mein jtingstes Kind hat plotzlich Fieber bekommen, ich muB
sofort rom Arzt mit ihm. Warte nicht auf mich, WiT gehen ein an-
dermal zusammen, ja?"

"Na gut, Moni, heute ist der lezte Tag der Menendez-Ausstellung,
abeT macht nichts, ich gehe dann eben allein." Was soIl man ma-
chen, natiirlich kann ich nicht bose sein, obwohl ich enttiiuscht bin.

"Ftir die Javier Menendez-Ausstellung bleibt noch genug Zeit,"
sagt der juDge Mann, der mich schon eine Zeitlang beobachtet und
lachelt. Offenbar hat er mein Gesprach mit Monika mitgehort.
"Die Ausstellung ist urn eine Woche verlangert."

"Tatsachlich?" frage ich erstaunt. "Eigentlich kenne ich Javier
Menendez gar nicht."

"Ein junger zeigenossischer Maler, ein sehr bekannter Name in
Barcelona."

"Was malt er denn?" Langsam Wild mein Interesse geweckt.

"Er bevorzugt dunkle und diistere ., wie rum Beispiel Mord,
Selbstmord, Kriegsopfer, unerrullte Liebe ..."

"Ich beiGe Santi," stelle ich mich VOl. "Sie verstehen offenbar
eine Menge yon Kunst."

8"Don Juan del Alcala" erwidert del junge Mann lachelnd. "Ich
weiB nUl wenig fiber Menendez, ich mag ihn nicht, und mein Hund
mag ihn auch nicht."
Da erst weIde ich gewahr, daB er einen kleinen ~iftesefl mit
weiBem Fell bei sich hat. Der Hund ist hiibsch, denke ich, er sitzt
artig an Juans Seite, seine Augen sind hellgriin, aber sein Blick
erscheint ausdruckslos. Wedel knum noch bellt er. Juan selbst
ist ein gut aussehender junger Mann, vielleicht zehn Jahre jiinger
als ich, mit dunkelbrauner Haut, sein dichtes schwarzes Haar,
das er ziemlich lang tragt, ist hinten zusammengebunden. Er ist
sehr groG und schlank und tragt ein weiBes Seidenhemd und eine
schwarze Hose, die beide aussehen, als seien sie teuer gewesen,
und eigentlich ist seine Kleidung im Vergleich zu del del anderen
Leute, die im Park sitzen und zumeist im Freizeitlook gekleidet
sind, nicht recht passend rur diesen Oft. Juan laBt mich wissen,
daB er Informationsmaterial fiber Javier Menendez und andere
spanische Maler besitzt, und wir vereinbaren, uns am nachsten
8 Tag am gleichen Oft wiederzutreffen. Ich denke bei mil, daB rur
die Ausstellung immer noch Zeit bleibt und ich warten weIde,
his Monika Zeit hat, mich zu begleiten.

Am nachsten Tag bringt mil Juan die Biicher, die er mil verspro-
chen hat, auch etwas fiber Javier Menendez.

"Seine Leidenschaft sind beriihmte Maler wie Picasso oder Salva-
dor Dali, aber er ahmt ihren Stil nicht nach," erlautert Juan. "Zu-
guterletzt hat sich Menendez rur den Realismus entschieden, seine
Gemalde unterscheiden sich nicht yon den klassischen Werken,
die man im Museum del Prado sehen kann. Der Unterschied be-
steht lediglich darin, daB er die yon ihm gemalten Objekte am
Ende mit roten Linien, die den Tod verkorpem, versieht. Er ver-
sprilht die Farbe vorsichtig und hochst vollendet auf die Lein-
wand mit den realistischen Werken ...sein Mut, die yon ihm
geschaffenen Gemalde "zu zerstoren", indem er sie mit roter
Farbe, die Blut darstellen sollen, besprilht, haben ihn berilhmt
gernacht, er hat es geschaffi, eine Brilcke zwischen Klassik und
Modeme in der Malerei zu bauen..."

"Und warurn mogen Sie ihn nicht?" frage ich "und wie kommt es,
daB sogar Ihr Hund eine Aversion gegen ihn hat?"

Juan lacht fiber meine provokatorische Frage. "Mein Hund ist ein
stilles Wesen, aber wenD er Gemalde yon Menendez sieht, wird er
8 unruhig."

Natiirlich beginne ich, rur den weiBen Pekinesen, der niemals bellt,
Sympathie zu empfinden. Ais wir uns verabschieden, kiiBt mich
Juan, der Gewohnheit der Spanier folgend, auf beide Wangen, ich
bekomme dos besos, zwei Kiisse. Seine Lippen sind kiihl, und ich
bemerke, wie der Hund uns lautlos mit Neugier betrachtet. Am
Abend erziihle ich Georg yon meiner Bekanntschaft mit Juan.
Georg scheiDt mir etwas eifersiichtig, deshalb behalte ich die
Sache mit den dos besos, die Juan mit kiihlen Lippen auf meine
Wangen gedrilckt hat, lieber rur mich.

"Vielleicht babe ich zuwenig Zeit, urn mit Dir etwas gemeinsam zu
untemehmen, vielleicht sollte ich Urlaub nehmen und dann ver-
reisen wir beide," sagt Georg vor dem Schlafengehen.

"Wir machen Urlaub, wenD ~ Du es rur notig haIst," sage ich,
"Du sollst nicht extra wegen mir frei nehmen. Ich kann doch die
8 Tage bier genieBen..."

Wahrend ich darauf warte, daB Monika Zeit findet, gehe ich weiter
meiner Gewohnheit nach, auf der Paseo del Prado zu promenieren
und auf eiDer Bank im Park zu sitzen. Aber seit dem Zusammentref-
fen mit Juan ist mir auch bewuBt geworden, daB er die gleichen Ge-
wohnheiten hat, so daB wir uns unweigerlich immer wieder treffen.
Juan mit dem weiBen Seidenhemd und der schwarzen Hose sowie
stets glanzenden schwarzen Schuhen und dem stilleD weiBen Hund
mit griinen Augen. Juan erziihlt, er arbeite ich Thyssen-Bomemisza-
Museum, deshalb halte er sich immer in der Umgebung des Museums
auf. Ich babe noch Die einen Museumsangestellen gesehen, der wie
Juan gekleidet ist, vielleicht hat er eine leitende Stellung inne,
denke ich bei mir. Beim darauffolgenden Treffen nimmt unsere
Unterhaltung an Intensitat zu, WiT diskutieren insbesondere fiber
die spanische Malerei, die ich sehr interessant finde. Das gutaus-
sehende und junge Gesicht von Juan finde ich auBerordentlich
anziehend, und ich glaube, er hat nichts dagegen, obwohl ich be-
trachtlich alter bin als er. Zwei Tage vor dem Ende der Javier
Menendez-Ausstellung hat Monika immer noch keine Zeit, mich
dorthin zu begleiten und Georg ist his rom Freitag eingespannt
mit Marathonsitzungen in seinem Btiro. "Wir besuchen die Ausstel-
lung am Sonntag, Liebes," verspricht mir Georg. Aber die Schau
schlieBt am Freitag nachmittag.

Am Donnerstag morgen finde ich Juan unruhig und mit zusammen-
gepreBten Handen auf der Parkbank. Als er mich sieht, hellt sich
8 seine Miene etwas auf.

"Hier bin ich," TUft er. "ich waIte schon eine ganze Weile auf
Sie!"

"Was ist denn passiert?" frage ich, nachdem er mich auf die
Wangen gektiBt hat.

"Ich glaube, ich muB weggehen von bier, ich ruble mich oft so
unruhig..."

Ich verstehe nicht, was er meint, abeT ich sptire seine tiefe Trau-
rigkeit und sette mich neben ihn. "Sie wollen also Ihren Job auf-
geben..."

Es gibt Dinge bier, die mich beunruhigen," sagt er, "ich ruble
mich oft bedroht. Jemand will mich entfiihren, mich physisch ver-
letzten und ...sogar umbringen."

"Juan!" ich bemtihe mich krampfhaft, nicht zu lac hen. Dieser junge
Mann hat offenbar erne bltihende Phantasie. Aber er scheint es
vollkommen emst zu meinen, und der stille Hund schaut ihn eben-
falls mit emster Miene und bewegungslos an.

"Ich heiBe Don Juan del Alcala, nicht einfach nUT Juan", sagt er
mit matter Stimme.

Ich schlucke. "Sie sind adliger Abstammung oder so ahnlich?"

Er nickt und schaut mich mit durchdringendem Blick an. "Jemand
will mich entruhren und mich verletzen ...ich babe so etwas schon
einmal erlebt, abeT diesmal ist diesel jemand weitaus gefahrlicher.
Ich muB aus diesel Stadt verschwinden."

Mir fehlen die Worte und ich weiB nicht, ob ich Juan glauben solI,
was er erzahlt oder nicht. Er nimmt meine Hand, offnet sie -sie
zittert dUTCh die Beriihrung -und legt sie auf seine breite Brust.
Wortlos offnet er die Knopfe seines weiBen Seidenhemdes, driickt
meine Handflache auf seinen nackten Korper und ich sehe eine
lange rote Wunde, die noch frisch ist. Schnell ziehe ich meine
Hand yon seiner Brust zuriick und stelle erschrocken fest, daB
mein Herz schneller schlagt.

8"Sie sind verwundet!" rufe ich, abeT noch mehr beunruhigt mich
die Faszination, die yon diesem hochgewachsenen jungen Mann
ausgeht und mich iiberkornrnt ein Geruhl, als hatte ich etwas
Unerlaubtes getan und meinen Mann Georg betrogen.
Ich sehe Juan nicken. "Ich muB gehen," sagt er mit Tauber Stimme.
Bevor er mich verlaBt, umarmt er mich fest und kiiBt mich auf
beide Wangen. "GruB an Georg."

Am Freitag beschlieBe ich, allein in die Javier-Menendez-Aus-
stellung zu gehen. Ich denke bei mil, falls Juan sich noch in del
Stadt befindet, kann ich ihn immer noch bitten, mich in die Aus-
stellung zu begleiten, bevor er die Stadt verlaBt. Das Thyssen-
Bomemisza-Museum liegt am nordlichen Ende del Paseo del Prado,
ich gehe an del Parkbank vorbei, auf del Juan immer gesessen hat,
heute ist sie jedoch leer, und ich ruble mich mutlos. In del In-
formationsabteilung des Museums keht jedoch mein Mut zuriick und
ich erkundige mich nach Juan.

"Wissen Sie, wo Don Juan del Alcala sich befindet?"

Saal 10, zweiter Stock, Gemaldesarnrnlung Javier Menendez," ant-
wortet die Museumsangestellte mit unbeteiligter Stimme.
Ich atme tier dUTCh. Offenbar ist er noch da, denke ich, sogar
im Raum mit den Gemalden yon Javier Menendez! Ich eile dUTCh
die einsamen und kiihlen Korridore, einige del Angestellten, die
mich schon kennell, lacheln mil zu, und ich denke, Juan ist am
elegantesten yon alIen gekleidet. Aber als ich den Saal 10 be-
trete, ist Juan nicht dolt, nUT eine Frau in schwarzer Dienstklei-
dung finde ich VOl. Wo ist Juan? Ich nahere mich del Frau und
stelle ihr die gleiche Frage wie del Angestellten in del Informa-
tionsabteilung.

"Wissen Sie ...Don Juan del Alcala ...er ..."

Die Frau nickt und zeigt auf die rechte Wand des Saales. Ich drehe
mich urn und schaue in die yon ihr angedeutete Richtung, An del
Wand erblicke ich ein groBformatiges Gemiilde, das einen gutaus-
sehenden Mann mit halbgeoffnetem weiBem Seidenhemd, del
lustlos an seinem Schreibtisch sitzt, zeigt. Seine Hemd ist offen,
seine Brust ist verletzt und blutet, ein Messer liegt in seiner
unmittelbaren Nahe auf dem FuBboden, an seiner Seite steht ein
weiBel Pekinese und sieht ihn mit ausdruckslosen Augen an. Am
Gemalderand stehen del Titel und eine kurze Erlauterung: El
Muerto Don Juan del Alcala, Der Tod des Don Juan del Alcala.
Javier Menendez, Barcelona, 1890-1955.

Ich bin sprachlos. Die Museumswarterin, die neben mil steht,
~ sagt:"Eigentlich mfiBte dieses Gemalde sich in ungerer stiindigen
Ausstellung befinden, abeT WiT haben unlangst einige absichtlich
vorgenommene Beschadigungen entdeckt, es wurde auch versucht,
das Gemalde zu stehlen. Daher haben wiT beschlossen, es restau-
rieren und es dann nach Barcelona zurUckbringen zu lassen."

Mein Gott, Juan!

Madrid, 13. Februar 2004

NOSTALGIE




Eigenartig, daB ich Rayendra wiedersah. Nachdem wir uns nahezu I
zebu Jahre aus den Augen verloren hatten, tauchte er plotzlich
wieder auf und zag meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich sage des-
halb ,er zag meine Aufmerksamkeit auf sich', weil er der einzige
mannliche Teilnehmer des Seminars "Weibliche Fiihrungskrafte als
Entscheidungstrager", das in einem Hotel in Cirebon, eiDer Stadt --~
in West-Java, stattfand, war.
Eine Mitarbeiterin des Veranstalters hatte mir kurz bevor ich mit
meiner Prasentation begann, einen Zettel zugesteckt, auf clem stand:
Tut mir leid, Niek, ich muftte die Empfangsdamen unter Druck set-
8 zen, damit sie mich einlassen und ich deinen Vortrag horen kann.
Konnen wir uns nach nach dem Seminar treffen? Gruft, Rayendra,
ehemaliger Student an der Technischen Fakultiit 1984).
An diesem Tag trug Rayendra einen hellbraunen Anzug, ein weiBes
Hemd mit dezenten Streifen und eine rote Krawatte. Sein Gesicht
hatte im Vergleich zu den Jahren, als ich ihn als Aktivist der Stu-
dentenvertretung kannte, enorm an Ausstrahlungskraft gewonnen.
Er stand auf der linkeD Seite neben der vordersten Tischreihe, mit
clem Riicken an die Wand gelehnt. Offensichtlich hatte er keinen
Sitzplatz mehr bekommen, denn alle Stiihle waren bereits besetzt.
Sein attraktives Aussehen lieB ein paar Teilnehmerinnen des Se-
minars standig in seine Richtung blicken.
Plotzlich fiihlte ich mich in einen anderen Raum versetzt. In einen
graBen Saal mit hoher Decke, rateD Ziegelsteinwanden und einem
FuBboden in Form yon arenaartig abfallenden Treppenstufen. Die
.aus Kunststoff und Eisen bestehenden Stiihle waren auf der rechten
und linkeD Seite des Saales ineinander gestapelt. Ein langeI Tisch
aus Mahagoniholz stand in der Mitte des Podiums, dahinter Ra-
yendra und noch zwei Studenten. Nur die drei trugen die offizielle
Kleidung der Uni, alle anderen, so auch ich, waren mit Jeans und T-
Shirt, der iiblichen "Alltagsuniform", bekleidet. Gemeinsam mit 40
weiteren Augen- und Ohrenpaaren verfolgte ich, auf clem FuBboden
des Saales sitzend, Rays Rede, die yon einem optimistischen Tenor
getragen wurde.
"Also, das Vorgehen der Bramantoro-Gruppe, den Fall Kasnadi und
seiner Familie durch die Massenmedien an die Offentlichkeit zu bringen, kann nicht gutgeheiBen werden, weil es nicht den geltenden
Regeln entspricht," sagte Ray. "Aus formalen Grunden hatte Bra-
mantoro die Genehmigung der Sozialabteilung unter Leitung yon
Zulmartinof einholen mussell, ehe er im Namen der Fakultat auf-
tritt. Sind das nicht die geltenden Spielregeln? Gibt es Fragen?"
Als ich die Hand hob, flusterte mir der langhaarige Adi Nelwan yon
der Technischen Fakultat zu: "Falle nicht nicht deinem eigenen
Freund in den Rucken, Niek, Ray ist unser Kandidat rur die nach-
stell Wahlen des Studentenausschusses."
Einen Moment war ich unschlussig. Natiirlich wollte ich Ray nicht
in Schwierigkeiten bringen. Ich wollte nur, daB er aufrichtig war,
so wie wir beide es zueinander in ungerer Beziehung waren. Als der
8 Moderator mir das Wort erteilte, blieb mir nichts anderes ubrig, als
aufzustehen und zu sprechen.
"Ich spreche bier als Universitatsangehorige..." Mein erster Satz
loste Gelachter im gesamten Auditorium aus. Natiirlich wuBte je-
der Bescheid fiber meine "besondere Beziehung" zu Ray und na-
tiirlich dachte jeder, ich wiirde mich in allem auf die Seite Rays
stellen. Einige im Lager der gegnerischen Gruppe Rays spotteten
sogar laut:"Sieh an, die First Lady hat auch was zu sagen... !"
Ich war einen Moment still. Meine Stimme klang dunn, als ich zu
sprechen begann: "Wir konnen das Problem Kasnadi nicht so eng,
aus dem Zusammenhang gerissen und immer nur unter formalen
Gesichtspunkten sehen. Betrachtet es doch mal unter menschlichen
Aspekten. Das eroffnet uns namlich den Blick auf das Schicksal
eines Menschen, der das Universitatsgelande verlassen muBte,
weil er keine Gewerbeerlaubnis batte, da er und seine Familie
.schon fast zwei Jahre lang die Steuem nicht mehr aufbringen
konnten. Ich denke, jedem bier steht es frei, rur sie Sympathie
zu empfinden und ihnen zu helfen. Wenn uns Bramantoro dabei
offensichtlich zuvorgekommen ist, dann ist das nicht seine Schuld,
sondem die des Studentenausschusses, der nicht begriffen hat,
was in seiner unmittelbaren Umgebung vor sich geht."
"Wozu gibt es dann den StudentenausschuB, wenn am Ende die Stu-
denten die Dinge selbst in die Hand nehmen?" fragte Ray yom Po-
dium herab.
"Dieses Gremium wurde als formale Institution rur uns, die Studen-
ten, geschaffen, damit wir mit einer Stimme sprechen und damit es
unsere Interessen vertritt;" fief ich. "Das bedeutet aber nicht, daB
samtliche individuellen Vorstellungen verschwinden. Gerade als
Organisation miissen WiT flexibler im Erkennen yon bestimmten
Erscheinungen in Studentenkreisen sein, denn unser Auftrag ist,
ihre Belange zu vertreten und nicht, sie zu bevormunden ..."
Jetzt spiirte ich, wie Adi Nelwan mich gegen das Schienbein trat,
und dann packte er mich mit hartem Griff an del Hand, damit ich
mich wieder hinsetzte. Halb nach unten gedriickt, kam ich wieder
auf dem kalten FuBboden des Saales zu sitzen.
"Spinnst du," zischte er, "du hast Ray in die Enge getrieben!"
In del Tat stellte ich fest, daB sich Rays Gesichtsausdruck veran-
deft hatte. Sein Blick war nervos, sein lockiges Haar hatte seine
Stirn rom Teil verdeckt. Wiederholt schob er die nach unten ge-
rutschte Brille zurecht. Vielleicht traf es zu, was Adi gesagt batte,
ich war meinem eigenen Freund in den Riicken gefallen. Aber
sollte ich, nUT weil ich seine Freundin war, nicht meine objektive
Meinung auBern diirfen? Ich hatte keine Lust, Augen und Ohren
VOl den Dingen, bei denen Ray und seine Anhanger nicht richtig
gehandelt hatten, zu verschlieBen.
Ich war in del Tat immer mit Ray und seinen Freunden zusammen
gewesen. Doch das bedeutete nicht, daB ich zu "Rays Leuten" ge-
horte. Ich bemiihte mich immer urn eine neutrale Position und urn
eine objektivere Sicht auf die Dinge. Ich wollte nicht zu sehr po-
sitiv auf den allseits beliebten, hart arbeitenden und auch etwas
ehrgeizigen Ray fixiert sein.
Manchmal war ich als Frau nicht damit einverstanden, wie Ray
und seine Leute ihre eigenen Belange vertraten, indem sie die Geg-
fief, deren Verhalten in gewisser Weise ebenso gerechtfertigt war,
in die Enge trieben. Natiirlich liebte ich Ray. Er sah ziemlich gut
aus, hatte einen scharf en Verstand, war aktiv und verfiigte libel
Fiihrungsqualitaten. Ich mag Manner, die sich durchsetzen konnen,
denn ich glaube, Durchsetzungskraft ist sehr wichtig im spateren
Leben.
Die Zusammenkunft endete urn Mitternacht. Ray befand sich wirk-
lich in del Enge, abeT dank seiner Eloquenz konnte er die Angriffe
del Gegenpartei und del unabhangigen Studenten sehr gut parieren.
Als er sich erhob, urn das Podium zu verlassen, drangten sich Adi
Nelwan und seine Anhanger urn ihn und begliickwUnschten ihn. Ich
wartete, big die Massen sich entfernt batten. Ray sah mich mit mii-
dem Blick an.
"Du waIst klasse," sagte ich und gab ihm die Hand. Das meinte ich
ehrlich.
"LaB uns nach Hause fahren," antwortete er kurz, wahrend er mei-
ne Taille umfaBte. Wahrend der gesamten Fahrt in Richtung Park-
platz der Fakultiit sagte er kein einziges Wort, auBer daB er gele-
gentlich auf die Zurufe einiger Studenten reagierte.
Erst nachdem wir vor meinem Haus angekommen waren, begann er
zu sprechen. "Ich mag kluge Frauen, abeT ich mag es nicht, wenn
sie ihre Klugheit gegen ihren Partner ausspielen. Dein Verhalten
vorhin hat mich nicht nUT beschamt, sondern meine Freunde auch
verargert, weil dadurch offensichtlich wurde, daB wir nicht mit
einer Stimme sprechen."
8 "Ich wollte nUT objektiv sein ..." antwortete ich.
Er holte tier Luft, lehnte sich im Sitz zuruck und schloB die Augen
beim Sprechen. "Meniek, ich will nUT, daB du mich verstehst. Ein
Sieg in der Studentenvereinigung bedeutet mir alles. Ich will mich
wahrend des Wahlkampfes so gut als moglich prasentieren und
mich bemtihen, aIle Fragen in fairem Wettkampf zu beantworten.
Aber das gilt nicht fiir dich, ein Madchen, das mir so nahe steht.
Ais Moderator sage ich dir, du kannst zwischen drei Alternativen
wahlen: Entweder du denkst wie WiT oder du verzichtest auf aIle
studentischen Aktivitiiten oder du laBt die Dinge so weiterlaufen
wie jetzt mit dem Ergebnis, daB sich unsere Beziehung immer
mehr verschlechtern wird."
WiT schwiegen einige Augenblicke. Rayendra hatte mir entschlos-
seller und fester Stimme gesprochen, wie ein Vorgesetzter mit
a seinem Untergebenen. Eigentlich war es genau dieses so sehr
..Rationale an ihm gewesen, weshalb ich mich in Ihn verliebt
hatte. An diesem Abend aber verletzte es mich, ohne daB ich
hatte sagen konnen, warum. Falls ich mich nicht mehr an studen-
tischen Aktionen beteiligen wiirde, hieB das noch lange nicht,
ich wiirde in allem cleMen wie er. Ich stand kurz vor clem Ab-
schluB meines Studiums und meine Mutter eroffnete mir, daB
unsere finanzielle Lage dUTCh lange Krankheit meines Vaters und
seinen friihen Tod sehr angespannt ist. AuBerdem beschamte es
mich, zu sehen, daB meine Bruder ihre Studiengebtihren dUTCh
ihrer eigener Hande Arbeit verdienten.
Zufallig bot mir eine gute Freundin, Indah Nurita, einen Job in
einem Geschaftsinformationszentrum an. Von diesem Zeitpunkt
an anderte ich mein Leben. Aus einer Aktivistin im Kampf rur
studentische Belange wurde eine berufstiitige Frau, die sich auBer-
clem noch urn den AbschluB der wenigen verbliebenen Studien-
aufgaben bemiihte.
Die Erde drehte sich weiter, und ich konnte sie nicht anhalten.
Die Tage vergingen, und als eiDer unter vielen Millionen Men-
schell, die diesen Planeten bevolkem, befand ich mich auf eiDer
Lebensreise, die voller Geheimnisse war. Ich wuBte, daB es
Ray genauso ging. Und jetzt, nachdem ich mich bereits so lange
1rbemiiht batte, Ray zu vergessen, tauchte er plotzlich wieder auf
und lieB mich alle Veranderungen wahmehmen, die mit ihm vor-
e gegangen waren.
Die rur mich vorgesehene Prasentationszeit neigte sich clem Ende
zu. Ich bat die Veranstalter urn Erlaubnis, den Seminarraum ver-
lassen zu diirfen und be gab mich zu der Stelle, an der Ray stand.
"Ray..!" fief ich, als ich mich ihm naherte, und er schiittelte mir
die Hand. "Wie bist du bier hereingekommen? Hast wohl die Mad-
chen yom Eingangsdienst becirct, wie?"
"Ich babe mich als dein Mann ausgegeben und ihnen gesagt, daB
du nach Hause kommen muBt, weil unser Kind krank ist," antwor-
tete Ray mit breitem Grinsen, als er an meinem Gesicht gab, daB
ich protestieren wollte. Naturlich hatte er gelogen.
"Du waIst wirklich exzellent vorhin," sagte er,"wie vor zehn Jah-
fen ...und du hast dich nicht verandert. Wie wars, wollen wir uns
e an einem Oft, wo wir ungestort sind, unterhalten?"
Gute Idee. Mir war nicht daran gelegen, yon Pressephotographen
mit einem Untemehmer, der sich in einem gerichtlichen Berufungs-
verfahren befand, weil er beschuldigt worden war, in eiDer Aus-
schreibung ein anderes, zu einem Konglomerat gehorendes Un-
temehmen, urn einen Auftrag gebracht zu haben, abgelichtet zu
werden.
And clem yon Ray gewahlten Oft gab es wirklich keine unerwiinsch-
ten "Zuhorer", und in mir wurden Erinnerungen an die vergangene
Studentenzeit wach. Wir fuhren mit clem Boot zur Insel Rakit, die in
der Javasee vor Indramayu, West-Java, gelegen ist. Das Boot gehorte
einem befreundeten Untemehmer Rays in Cirebon. Da die Insel yon
Korallenriffen umgeben war, muBte das Boot ziemlich weit vor der
Kiiste vor Anker gehen und yom Fahrer bewacht werden. Ray und
ich sprangen ins Wasser und schwammen aDS Ufer der yon Man-
groveD bewachsenen Insel, wo WiT am am warmeD Sandstrand ent-
langliefen.
"Auf dieser Insel gibt es nUT einen Leuchtturm," sagte Ray, tier
Atem holend, wahrend WiT und dem schattigen Teil der Insel na-
hefteD. SchlieBlich fanden WiT einen hiibschen Platz rom Sitzen,
yon wo aus WiT einen ungehinderten Blick auf die sich an den Ko-
rallenriffen brechenden Wellen genossen.
"Du hast nicht vergessen, daB ich besessen yom Meer bin," sagte
ich, das Schweigen brechend.
18 "Ja, sagte er, du bist wirklich eine abenteuerlustige Teufelin."
Ich schaute ihn lachelnd an. Ray sah mir mit leerem Blick in
die Augen.
"Wie geht es Isti?" fragte ich dann,
Ray wendete den Blick dem Meer zu, bevor er mit unsicherer
Stimme sagte: "Es geht ihr gut, auch meinen beiden Kindem
in Jakarta geht es gut."
Ich wartete, daB er weitersprechen wiirde, abeT Ray schwieg.
Zehn Jahre waren vergangen und erst jetzt rand ich den Mut,
in seiner Gegenwart den Namen seiner Frau auszusprechen.
Nachdem ich nicht mehr in der Studentenbewegung tiitig war
a und eine Arbeit aufgenommen batte, hatte sich unsere Beziehung
...tatsachlich mehr und mehr verschlechtert. Und dann kam Isti, die
bei alIen Aktivitiiten Rays immer an seiner Seite war, Isti, die
eine stille Bewunderung rur Ray hegte und passiv war. Ein Freund
Rays machte die yon beiden streng geheimgehaltene Beziehung
offentlich und nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatten,
heirateten beide ein Jahr danach,
Isti geht es gut," wiederholte Ray. "Sie ist stets eine gute Ehefrau
und eine gute Mutter, abeT sie kann mir nicht belieD, wenD ich in
meinem Untemehmen Probleme habe."
"Was willst du damit sagen?" fragte ich.
"Was ich damit sagen will," antwortete Ray, und sein Gesichtsaus-
druck war jetzt panisch, "ich bin in groBen Schwierigkeiten. Mei-
nem Untemehmen droht del Verlust yon Hunderten Millionen
Rupiah, wenn ich VOl Gericht unterliege. Natiirlich weIde ich alles
in meiner Macht stehende tun, urn mein Untemehmen, das ich fiber
Jahre unter groBen Anstrengungen aufgebaut habe, am Leben zu
erhalten..."
"In solch einer Siautation brauche ich dringend jemanden, mit clem
ich mich austauschen kann. Ich brauche jemanden, del mich auf-
richtet, del mil hilft, einen Ausweg zu tinden. Aber ich bin immer
allein, meine Frau ist nicht in del Lage, mil die Unterstiitzung zu
erweisen, die ich mil wiinsche. Zwar hat auch sie einen Hochschul-
abschluB, aber auBer daB sie meine Kinder zur Welt gebracht hat,
8 hat sie nichts geleistet."
Er holte tief Luft und schleuderte einen Kieselstein in Richtung
del heramollenden Wellen. Ich mag kluge Frauen, aber ich mag
es nicht, wenn sie ihre Klugheit gegen ihren Partner ausspielen.
Rays Worte yon VOl zehn Jahren klangen mil wieder in den Oh-
fen, sie waren genau das Gegenteil yon clem, was er jetzt sagte.
"Wir liegen iiberhaupt nicht auf einer Wellenlange," fuhr Ray
fort, "sie findet keinerlei Geschmack an den Treffen mit meinen
Bekannten, weil sie nicht versteht, woriiber wir reden. Sie ist
ganz anders als du, Niek. Auf Parties halt sie sich immer abseits
auf, wenn sie eigentlich an meiner Seite sein sollte, wenn ich
mich unter die Gaste mische. Und in meiner jetzigen Situation,
in del sie mich ermutigen sollte, kann sie nUl in ihr Kopfkissen
."
wemen ...
8"Es reicht, Rayendra," tiel ich ihm ins Wort. "ich will nicht
mehr horen, wie du schlecht fiber sie sprichst."
Ich sah, daB ihn mein Ausbruch iiberrachte. Er sah mich mit
gekranktem Blick an. "Ich liebe dich, Niek, ich liebe dich
immer noch."
Ich schiittelte den Kopf und antwortete mit weichel Stimme: "Ich
bin auch eine Frau. Ich kann nachvollziehen, wie man sich bei
verratener Liebe fiihlt. Vielleicht hast du recht, daB ihr beide
nicht auf einer Wellenlange liegt, aber das ist kein Grund, daB
du versuchst, mil zu schmeicheln. Sie ist deine Frau, die Mutter
deiner beiden Kinder und liebt und bewundert dich seit del Stu-
dentenzeit. Wenn du spater enttauscht waIst oder deinen Schlitt
bereut hast, ist das eben das Risiko und die Realitiit, denen du
dich stellen muBt, denn es gibt auf der ganzen Welt keinen Men-
schell, der zu hundert Prozent unserem Ideal entspricht."
Ich konnte nicht weitersprechen. Was ich gesagt batte, gaIt genau-
so rur mich selbst. Ich erinnerte mich an die ersten Jahre nach
ungerer Trennung, die eine so unsichere Zeit rur mich waren.
Wahrend ich darum kampfte, sowohl meiner Arbeit als auch den
Anforderungen rur den StudienabschluB gerecht zu wedell, genos-
sell Ray und Isti das Studentenleben in vollen Ztigen. Und als sie
heirateten, beschloB ich, ganz weit weg yon ihnen zu gehen.
Glticklicherweise bekam ich ein Stipendium rur die Monash
University in Australien. Einen Monat spater lemte ich Mulyadi
8 kennell, der gerade seinen Master-AbschluB in Betriebsruhrung
machte. Als das Stipendium abgelaufen war, machte mir Mulyadi
einen Heiratsantrag und wir schlossen die Ehe in Jakarta. Er ist
ganz anders als Ray. Vollig anders.
"Manchmal gefallt mir die Haltung Mulyadis, der immer in allem,
was ich roe, auf meiner Seite steht, auch nicht," sagte ich dann
zu Ray. "Manchmal wiinschte ich mir jemanden, der mir etwas
verbietet, der mir entschieden klarmacht, daB er nicht will, daB
ich zu viel arbeite, weil er mich an seiner Seite braucht. Aber
er ist mein Mann und der Vater meiner Kinder. Wenn er mich
nicht in alIen Dingen unterstUtzen wiirde, dann ware ich viel-
leicht nicht das, was ich jetzt bin."
Es war das langste Gesprach, das WiT seit ungerer Trennung vor
zehn Jahren ruhrten. Ich war selbst tiberrascht, daB ich in meinem
Verhalten weitaus reifer war als Ray, del doch bislang immer
eine Leitfigur rur mich gewesen war. Als es Nachmittag
8 wurde, beschlossen WiT, rom Boot zuriickzukehren. Wir waren
hungrig. Ray Iud mich in ein Seafood-Restaurant ein und bestell-
te gegrillten Hummer, libel den WiT gierig herfielen. Eine Tasse
heiBer Kaffee bildete den AbschluB unseres Treffens,
"Vielen Dank rur deine Ratschlage, Niek," sagte Ray. " W ann
fahrst du nach Jakarta zuriick?"
"Morgen, mit del Bahn," sagte ich, "Mulyadi reist in zwei Tagen
zu einem KongreB nach Korea, das bedeutet, daB ich an del Reihe
bin, auf die Kinder aufzupassen.
"Ich bin noch langere Zeit hier," antwortete Ray, obwohl ich ihn
nicht danach gefragt hatte. "Sobald ich Jakarta zuriickkehre,
bin ich wieder mit clem Gerichtsverfahren konfrontiert. Bete rur
mich, daB ich gewinne, Niek."
"Das weIde ich tun," antwortete ich.
Danach begleitete mich Ray zu meinem Hotel. Bevor ich aus clem
Auto ausstieg, reichten WiT uns die Hande rum Abschied. An der
Art, wie er fest und lange meine Hand driickte, konnte ich seine
Kampfkraft, die niemals auf gab, noch erkennen. Ich schloB die
Tiir des Wagens und Ray fuhr davon.

Jakarta, 1991

Friday, May 12, 2006

EINE ANDERE FRAU



In diesem Jahr wurden wir zum Herbstbeginn geschieden. Mein Herz war verletzt. Ich empfand einen brennenden Schmerz. Die Tränen, die ich an kalten und einsamen Abenden weinte, gaben nicht annähernd wieder, was ich wirklich empfand. Das Wetter war auch nicht mehr so schön wie in der vorangengangenen Jahreszeit. Das beständig dichte grüne Laub der alten Bäume wurde mit jedem Tag einbißchen gelber. Nach und nach fielen alle Blätter ab und bedeckten den Boden mit einer gelb-braunen Schicht. Auch die Luft kühlte sich merklich ab. Der Wind wehte heftig, er brachte Feuchtigkeit mit sich, von der sich das Gesicht steif anfühlte. Das Zwitschern der Vögel, das mich bislang jeden Morgen geweckt hatte, war plötzlich verstummt. Nur das Pfeifen des Windes, begleitet vom Ratscheln der Blätter, die später zu Boden fielen, war geblieben. Von Zeit zu Zeit hörte man auch das Geräusch abknickender Äste, die dem starken Wind nicht standhalten konnten.

Dieses kalte und gefrorene Gefühl begleitete mich bis in den Sitzungssaal des Gerichts, als die Scheidung meiner Ehe mit Stephan, berkundet wurde. Ich trug ein dunkelgraues Kostüm mit kniebedeckendem Rock, unter der eleganten Jacke einen Pullover. Ich benutzte absichtlich eine Sonnenbrille im Gerichtsaal, um meine vom ständigen Weinen am vorangegangenen Abend geschwollenen Augen zu verbergen. Ich hatte einen hell-lilafarbenen Lippenstift aufgetragen, um die Aufmerksamkeit meiner Umgebung von meinem leeren Blick abzulenken und gleichzeitig meinen Schmerz zu betaüben.

Stephan stand nicht weit von mir entfernt. Sein graues Haar hatte er zurückgekämmt, wodurch seine Stirn, auf der sich leichte Falten abzuzeichnen begannen, freigelegt wurde. Er trug einen hellbraunen Anzug. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke, aber ich konnte seinen ausdruckslosen Augen absolut nichts entnehmen. Thomas und Dewi, unsere beide Kinder, waren bei der Verkündung des Scheidungsurteils zugegen. Thomas war fotwährend nervös, Schweiß rann ihm von der Stirn in Richtung Nase und Brille. Dewi saß stumm da mit abwesendem Blick. Das war also das Ende unserer Ehe. Das Ende einer Liebesgeschichte, die einmal ohne Probleme und Schwierigkeiten verlief. Trotzdem war die Trennung unausweichlich.

„Ich muß eine Zeitlang allein sein,“ hatte Stephan eines Tage gesagt, als wir in einer Teestube in unmittelbarer Nähe seines Büro eine Tasse Tee tranken und mit Zucker bestreute Schokoladenplätzchen dazu aßen,“Ich habe mir das seit langem reiflich überlegt“.

„Seit wann hast du denn solche Gedanken?“ fragte ich mit tonloser und unsicherer Stimme. An diesem Tag wußte ich, daß Stephan mir etwas Wichtiges mitteilen würde, etwas, das für mich bitter sein würde.

„Muß ich dir das wirklich sagen? Fühlst du selbst nicht das gleiche? Ich meine, ist dir nicht bewußt geworden, daß mit mir und in meinem Verhalten dir gegenüber eine Veränderung eingetreten ist?“

Die Wärme war aus meinen Fingern gewichen. Langsam trank ich meinen Tee, ich fühlte, wie er wohltemperiert die Kehle hinabrann, aber ich konnte nicht verhindern, daß sich ein schmerzliches Gefühl in meinem Herzen ausbreitete. Natürlich war mit die Veränderung nicht entgegangen. Ich hatte Stephan vor 20 Jahren kennengelernt, wir hatten geheiratet und unsere beiden Kinder, die jetz im Jugendalter waren, großgezogen. Ich kannte ihn so gut wie mich selbst. Vor sechs Monaten hatte Stephan begonnen, sich zu verändern, er wurde immer trübsinniger und gestresster. Ich hatte nie gewagt, ihn nach dem Grund dieser Veränderung zu fragen, weil mein Gefühl mir sagte, es ist etwas Schreckliches, das unsere Ehe bedroht. Und dieses Schreckliche geschah, als wir uns in der Teestube kalt und ohne uns zu berühren wie zwei Fremde gegenübersaßen. Zwei Menschen, deren Gsfühle verletz waren.

„Ist es wegen einer anderen Frau?“ wagte ich endlich zu fragen. Stephan schien etwas überascht, plötzlich nahm er eine aufrechte Sitzhaltung ein, als sei er soeben aus einem nachmittäglichen Traum erwacht.

„Hör zu, Liebes, ich liebe dich immer noch. Ich liebe dich als die Mutter meiner Kinder, unserer beider Kinder…“ Er schwieg einen Augenblick, es fiel ihm schwer, witer zu sprechen. „Ja, du hast recht, es gibt eine andere Frau…“

Kurz darauf beschloß er, die gemeinsame Wohnung zu verlassen. Und die Nächte in der einer anderen Frau, deren namen ich Niemals erfuhr, zu verbringen. Und ich verbrachte jede Nacht einsam und allein. Thomas und Dewi wohnen im Studentenheim in einer anderen Stadt. Gelegentlicht riefen sie an, auch Stephan, aber das war mir nicht genug. Ich fühlte mich gekränkt. Dieser Schmerz hinderte mich mit aller Macht daran, das Leben so zu sehen, wie es war. Tränen waren meine ständigen Begleiter. Die Wände meines Zimmers waren Zeugen, wie sehr ich mich danach sehnte, geliebt und respektiert zu werden, wie es einer Frau und Ehepartnerin zukommt.

Indes brach der Kontakt mit Stephan nach der Scheidung nicht einfach ab. Er besuchte mich regelmäsig. Wir tranken zusammen Tee und aßen meine selbstgebäckenen Kuchen. Manchmal brachte er mir einem Blumenstrauß mit, ein anderes Mal kam er mit einem kleinen Päckchen-schwarzem Ceylontee-oder einem Korb frischen Obstes, das er auf dem Weg zu mir gekauft hatte. Eben diese kleinen Aufmerksamkeiten waren es, die mich immer stärker in psychologische Abhängigkeit von Stephan brachten. Wenn er mich wieder verließ, ging mein Herz mit ihm. Ich brauchte seine Gegenwart wie früher…

„Weißt du, daß ich oft ganze Abende lang weine?“ fragte ich Stephan während eines seiner Besuche an einem recht heißem Nachmittag.

„Warum denn?“ fragte er.

Ich sah ihm fest in die Augen. Meine Stimme zitterte von der Anstrengung, die es mir bereitete, meine angestaunten Emotionen zurückzuhalten. „Warum? Warum?! Merkst du nicht daß ich dich noch immer liebe? Ich habe unsere Trennung ganz bestimmt nicht gewolt“

„Ich verstehe…“ antwortete er mit schwacher Stimme.

„Ja, natürlich verstehst du. Aber warum…warum hast du das alles zerstört, Stephan? Wie wichtig ist jene Frau für dich? Wie groß ist deine Liebe zu ihr? Ist sie denn so viel mehr wert als ich?“

Er richtete sich auf. Sein Gesicht wirkte versteinert. „Marina, ich komme dich besuchen, weil ich deine Verbitterung verstehe. Ich will dir nur helfen, von dieser Verbitterung loszukommen. Das ist alles…“

Dann verließ er mich und ich blieb sprachlos zurück. Auch diesmal nahm er mein Herz mit sich fort.

Einen Monat später beschloß ich, nach Hause, nach Jakarta zu fliegen. Ich brauchte eine andere Umgebung, hatte Sehnsucht nach meiner Familie und den alten Freunden. Ich konnte es kaum erwarten, mich von den Fesseln des trauriges Schmerzes, die mich ständig belasteten, zu befreien. Thomas und Dewi brachten mich bist zum Flughafen in Frankfurt, da noch keine Semesterferien waren, konnten sie nicht mit mir kommen.

„Vergiß nicht zurück zu kommen, Mama,“ sagte Thomas, während er mich umarmte. Seine Stimme zitterte, er konnte seine Tränen, die mir auf die Schultern fielen, nicht zurückhalten,“Ich habe dich lieb, Mama“

Dewi war weitaus gefaßter. Sie kußte mich auf beide Wangen, und ein Lächeln lag auf Ihrem Gesicht,“ Mach dich eine schöne Zeit in Jakarta. Vergiß nicht, mir Schuhe mitzubringen“

Nach Jakarta zurückzukehren war wie eine Rückkehr in die Vergangenheit, in meine Jugend, die ich in der Stadt verbracht hatte, meinem ersten Job, das erste Mal, als ich mich verliebt hatte und als ich mich in Stephan verliebte. Die Hitze in die Haupstadt überfiel mich. Die Straßen waren mit Fahrzeugen verstopft, zäh floß der Verkehr, wie eine träge Schlange, die sich überfressen hat. Die Auspuffgase vermischten sich mit Staub aus der Luft, der Wind wehte nur Schwach, als könne er gegen die Fahrzeugabgase nichts ausrichten. Bereits am zweiten Tag nach meiner Ankunft verabredete ich mich mit zwei meiner alten Freundinnen, Rosinta und Luki. Wir trafen uns in einem schattigen Cafe in Kemang. Zwei junge Musiker erfreuten die Gäste mit klassicher Musik. Sie erinnerten mich an Thomas und Dewi.

Meine beiden Freundinnen kamen direkt von der Arbeit. Rosinta ist Rechanwältin, Luki Public Relatiosn Manager. Rosinta ist bereits verheiratet, Lukis is bislang noch ledig. Fünf Jahre hatten wir uns nicht gesehen, es schien, als hätten wir uns in der Zeit äußerlich nicht wesentlich verändert.

„Wie alt sind wir jetz?“ fragte Rosinta zweifelnd. „Glubt ihr daß wir schon die Vierzig überschritten haben? Die Zeit vergeht so rasend schnell…“

„Aber due siehst wesentlich jünger aus und brauchst dir wahrhaftig keine Gedanken zu machen,“ rief Luki,“du bist immer noch eine attraktive Frau“

„Außerdem hast du alles im Leben erreicht, was du wolltest,“ fügte ich hinzu,“Du bist verheiratet, hast Kinder, bist erfolgreich im Beruf, was willst du mehr?“

„OK, ich nehme euer Kompliment an,“sagte Rosinta mit strahlender Miene,“ aber ich freue mich auch über euer erfolgreiches Leben“

„Etwas sthet immer noch aus in meinem Leben,“ sagte Luki. Ihr kleine Finger spielte mit dem Teelöfel, der neben der Tasse lag.“Ich bin immer nong Single“.

„und ich erst,“fiel ich ihr ins Wort. Ich versank tief in meinem Sessel und sah meine beiden freundinnen mit leerem Blick an, die mich nun ihrerseits neuegierig zu mustern begannen,“Mein Gott, was habe ich denn schon erreicht in meinem Leben?“

„Du hast Thomas, Dewi und Stephan,“ sagte Luki hastig,“Und du bist eine gute Hausfrau“.

Plötzlich würde mir etwas bewußt, das ich bislang tief in meinem Herzen verschlossen hatte. Ja, ich hatte mein Mann verloren, aber ich hatte noch immer mich selbst. Ich hatte noch eine Zukunft. Wir beschlossen, nicht weiter über das, was wir im Leben erreicht oder nicht erreicht hatten, zu diskutieren, denn es führte zu nichts außer Enttäuschung. Als ich nach der Zusammenkunft mit Rosinta und Luki nach Hause kam, entschied ich, meine Dokumente, die ordentlich aufbewahrt in einem Karton im Keller meiner Eltern lagerten, zusammenzusuchen. Ich fand meine Zeugnisse, von der Sekundarschule bis zum Diplom, ebenso diverse Zertifikate über Fortbildung, z.B. Fremdsprachenausbildung, Kosmetikkurs und noch einige andere spezielle Fortbildungkurse. Ich beschloß, etwas in meinem Leben anzufangen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland schien Stephan für ein paar Monate wie vom Erdboden verschluckt. Nach Wiederaufnahme unserer Treffen, ich weiß nicht mehr das wievielte es war, fühlte ich, daß eine Veränderung mit mir vorgegang war. Mein Selbstvertrauen war gestiegen. Wenn ich morgens aufstand, und meinen Körper und mein Gesicht im Spiegel betrachtete, sah mir eine, obwohl nicht mehr junge, jedoch noch immer sehr attraktive Frau entgegen. Ich hatte mir die Haare wachsen lassen, sie fielen in großen Wellen bis auf Schulter. Durch regelmäßige Besuche und angestrengtes Training in Fitnesscenter hatte ich fünf Kilo Gewicht verloren. Mein Bauch wirkte flacher, meine Hüften schmaler. Meine Nägel waren gepflegt und in einer ansprechenden Farbe lackiert. Mein neuer Job als Sprachlehrerin für Indonesisch an einer Volkhochschule wirkte sich positiv auf mein Bankkonto aus, so daß ich neue passende Kleidung leisten konnte.

So war es nicht verwunderlich, daß Stephan sich sehr überrascht wegen der Veränderungen, die mit mir vor sich gegangen waren, zeigte. Sein Blick kam nicht einen Augenblick von meinem Gesicht und meinem Körper los, es war, als ob er jede meiner Bewegungen in sich aufnahm.

„Was ist denn mit dir passiert, Marina?“ fragte er neuegierig.

„Vielleicht habe ich einfach nur wieder zur mir selbst gefunden, nachdem ich so lange in einer engen Welt gefangen war, die mir keine Möglichkeiten gegeben hat, mich weiterzuentwickeln und voranzukommen. Eine Welt, die mir früher alles bedeutet hat, die aber letzendlich zerstört wurde,“ antwortete ich.

Stephan sog geräuschvoll die Luft ein, seine Stimme klang schwer und verhalten, als er sagte: Wenn du es hören willst, Marina, dann verzeih mir bitte. Ich fühle mich so schuldig, jeden Tag mehr, inbesondere nachdem du für ein paar Monate nach Indonesien gereist warst. Und ich habe auch sehr viel an dich gedacht in dieser Zeit…“

Ich schwieg. Ich verrührte den Zucker in meinem Tee, währen ich Stephan aufmerksam zuhörte. Er spielte mit seinem Autoschlüssel, was klappernde Geräüsche erzeugte-ein Zeichen seiner Nervosität. Schließlich sage er: „Marine, glaubst du, daß wir eine gemeinsame Zukunft haben könnten?“

Er schüttete mir sein Herz aus. Uch staunte, richtete mich auf, sah in scharf an und versuchte, herauszufinden, wie ernst es ihm war. Aber erstaunlicherweise war das schmerzliche Gefühl, das früher immer mein Herz zusammengezogen hatte, verschwunden. Und weiß der Himmel warum, ich sah Stephan jetz mit anderen Augen. Sein Haar war noch grauer, die feien Linien auf seiner Stirn mehr geworden. Er schien innerhalb weniger Monate enorm zugennomen zu haben, was sich besonders an seinem Bauchumfang bemerkbar machte, so daß sich Knöpfe seines Hemdes nicht mehr vollständig schließen ließen. Ich bemerkte, wie seine Hände zitterten, als ob dieses Zittern außerhalb seiner Kontrolle lag. Ich hatte nicht gewußt, das er Parkinson litt.
Ich fragte mich, ob ich ihn noch liebte. Hoffte ich noch auf eine gemeinsame Zukunft für uns beide? Um Thomas und Dewis willen? Ich schüttelte leicht mit dem Kopf, nein. Meine beiden Kinder sind erwachsen und selbständig. Für Thomas und Dewi wäre es ohne Belang, ob ich zu Stephan zurückzulkehren würde oder nicht. Für sie war es bereits normal, daß Stephan und ich getrennte Wege gingen. Und wo waren eigentlich die Träner geblieben, die früher an vielen langen Abenden meine ständigen Begleiter waren? Wo war die Wunde in meinem Herzen, die mich monatelang hatte so sehr leiden lassen?

Ich schluckte,“Nein, ich denke, es ist vorbei mit uns,“ sagte ich schließlich mit eintschiedener aber dennoch weicher Stimme.

Ich sah daß er überrascht war. Aber er sagte nichts.

Ja, ich bin eine andere Frau geworden. Eine Frau, die nicht länger ihrer zerstörten Ehe nachtrauert, sondern die die Welt optimischer betrachtet. Ich liebe Stephan nicht mehr.

Berlin, Juli 1999

Saturday, April 08, 2006

WARTEN AUF DIE LIEBE


Als ihr Freund konnte ich nur vermuten, worauf sie mit ihren Worten hinauswollte. Ich hatte das Gefühl, sie wartete auf eine bestimmte Reaktion von mir, zum Beispiel, daß ich ihr vor der Abreise einen Heiratsantrag mache oder ein anderes bindendes Versprechen abgebe.

„Diesen Herbst fliege ich zurück nach Indonesien. Meine Diplomarbeit ist abgeschlossen, bleibt nur noch, die Verteidigung abzuwarten,“ sagte Salina mit ihrer leisen Stimme. Sie sah mich nicht an beim Sprechen, sondern hatte ihr Gesicht dem Fluß mit seiner starken Strömung zugewandt. Dann fügte sie hinzu: “Ich habe nichts mehr zu tun hier, weißt du.“

Wie üblich bei asiatischen Frauen, teilte sie mir ihre Gefühle nicht direkt mit, sondern wartete darauf, daß ich den ersten Schritt tun würde. Bisher hatte ich diesem Umstand keine Bedeutung beigemessen. Ich dachte, daß ich so tun werde, als ob ich sie nicht verstehe, denn ich hatte nicht vor, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Es war nur ein Spiel für mich, wie ich es schon oft mit Frauen gespielt hatte. Aber in Salinas Fall? Verdammt,was sollte ich denn sagen?

In diesem Moment sah sie mich an. Für ein paar Sekunden sahen wir uns in die Augen. Ihre schwarzen Pupillen glänzten, die Augen waren weit geöffnet. Sie war zu nichts anderem imstande, als darauf zu warten,daß ich etwas sage, das sie glücklich machen würde. Aber ich konnte es nicht. Nicht ein einziges Wort kam über meine Lippen. Dann küßte ich sie. Die Gänse, die auf dem Fluß schwammen, wurden Zeuge unseres Kusses. Ich umarmete sie so fest, daß ich ihr Herz schlagen hören konnte. Während ich mit meinem Kuß ihren Mund verschloß, erinnerte ich mich daran, wie ich sie kennengelernt hatte.

Es war Paul, ihr Ex-Freund und auch mein Freund, den ich bereits vor ihr kannte, der mir Salina vorstellte. Paul und ich sind in der Filiale Winchester von Fox & Sons, einer großen Immobilien firma mit Dependancen in ganz England, angestellt. Eigentlich würde ich es vorziehen, in London zu arbeiten, aber Winchester ist auch OK. Es ist zwar eine Kleinstadt, doch die Mehrzahl der Einwohner gehört zur Mittel- und Oberschicht, was natürlich ein günstiger Umstand für das Immobiliengeschäft ist.

Paul ist vor 6 Monaten bei Fox & Sons eingetreten. Er ist noch jung, gerade mal 27, also 5 Jahre jünger als ich. Er hat auch einen viel größeren Arbeitselan als ich, allerdings ist er im Umgang mit den Kunden noch nicht so firm wie ich. Während der gesamten 6 Monate unserer Bekanntschaft habe ich ihn nur von Salina sprechen hören, eine andere Frau existierte nicht in seinem Leben. Kaum war er am Morgen im Büro eingetroffen, rief er sie an, ebenso kurz vor der Mittagspause und dann noch einmal gegen Büroschluß, und wenn er sie nicht anrief, tat sie es. Tagein tagaus ging das so, einfach öde.

Anfangs hatte ich mich nie dafür interessiert, wie Pauls Freundin mit dem seltsamen Namen wohl aussehen mochte. Bis ich eines Tages zufällig einen Anruf von ihr für Paul entgegennahm. Daraufhin erkundigte ich mich nach ihr.

„Sie ist Ausländerin, nicht wahr?“ frage ich.
„Wer?“ fragte Paul zurück.
„Salina, deine Freundin.“
Paul nickte. Sein Gesicht spiegelte Stolz wieder, als er sagte: „Ja, sie ist aus Indonesien, du weißt doch, wo Indonesien liegt?“
„Sie bleibt ein Jahr hier zu medizinischen Studien für ihren Master of Science ...“

Es war das erste Mal, daß Paul ausführlich von Salina sprach. Offensichtlich war er sehr verliebt in die Asiatin. Ein paar Tage später hat er sie mir dann vorgestellt. Ein zierliches Wesen mit glattem schwarzem Haar und hellbrauner Haut, die an Kupfer erinnert. Es stimmte, was er erzählt hatte: Salina ist eine schöne Frau. Aber alle Frauen, die ich kenne, sind schön, und schöne Frauen gibt es überall, nicht wahr? Deshalb konnte ich nicht begreifen, warum Paul so auf Salina fixiert war. In diese Sache hielt ich ihn für den dümmsten Mann, der mir je über den Weg gelaufen ist.

Und wie steht es mit meiner Person? Ich denke, alle Mitarbeiter von Fox & Sons wissen, wer James Morley ist, nämlich ein Mann, der das Leben zu genießen versteht. Jedesmal, wenn ich mich im Spiegel betrachte, wird mir klar, daß ich ein außerordentlich attraktiver Typ bin. Sicher, ich bin nicht mehr so jung wie Paul, sehe nicht so gut aus wie er, aber mein Intelligenzpotenzial ist eindeutig größer als das seinige, und damit gelingt es mir immer, die Frauen zu beeindrucken. Außerdem kann ich auf eine stabile Karriere mit sicheren Zukunftsaussichten verweisen. Liebe steht nicht an erster Stelle in meinem Leben, obwohl Parties und Frauen einen höchst wichtigen Rang in meiner Freizeit einnehmen. Aufgrund unseres unterschiedlichen Lebensstils unternehmen Paul und ich nur selten etwas gemeinsam außerhalb der Arbeitszeit.

Bis ich eines schönen Nachmittags meine Meinung über Paul änderte. Es war kurz vor Büroschluß, und ich hatte eine Verabredung mit Caroline im Pub ST James Tavern. An jenem Tag war Paul verändert. Er hatte Salina nicht angerufen, und auch sie hatte sich nicht telefonisch gemeldet. Paul trat in mein Arbeitszimmer mit bedrückter Miene. Er setzte sich auf einen Stuhl vor meinem Schreibtisch.

„James, ich muß mit dir reden,“ sagte er.
Ich hatte den Eindruck, ihm war etwas Uangenehmes widerfahren. Ich grinste und sagte: „OK, ich sage die Verabredung mit Caroline ab. Laß uns irgendwohin gehen, wo wir ungestört reden können...“

Wir fuhren zu einem kleinen Pub in Strandnähe, etwa fünf Kilometer von Winchester entfernt. Wir suchten uns einen Platz auf der Terrasse. DieLuft war kühl an jenem Abend, aber der Wind wehte nur mäßig stark. Von unserem Tisch aus konnten wir die Schiffe, die im Hafen vertäut waren, sehen. Ihre Lichter flackerten periodisch und brachten ein wenig Helligkeit in den dunklen Abend. Paul erzählte, daß die Beziehung mit Salina in einer Krise steckte und er nicht wisse, wie er sich verhalten solle.

„Hast du einen Vorschlag, was ich tun soll, James?“ fragte er mit trauriger Stimme. Wirklich ein Weichling.
Ich klopfte ihm leicht auf die Schulter und sagte:“Wenn du nicht glücklich in der Beziehung bist, warum beendest du sie dann nicht?“
„Aber was wird dann aus Salina?“
„Was soll aus ihr werden?“ fragte ich zurück.
Mein Geduld war bereits zu Ende, was sollte ich mit einem solchen Hasenfuß wie Paul lange diskutieren. „Und was ist mit dir selbst, Paul? Ich kann Deine Bedenken nicht nachvollziehen. Es handelt sich doch nur um eine Frau, und du gehst beinahe daran zugrunde. Du verschwendest deine jungen Jahre, wenn es dir nicht gelingt, dich von solchen Bedenken freizumachen...“
Ich dachte, daß ich mich an diesem Abend das letzte Mal mit seiner Beziehungskrise befaßt hatte. Seine Liebe zu Salina war erloschen, und später sah ich des öfteren, daß er mit einer anderen Frau aus der Anwaltskanzlei gegenüber unserer Firma zu Mittag aß.

Das Leben bewegte sich wieder in normalen Bahnen, bis ich eines Tages zufällig Salina traf. An jenem Sommerabend hatte ich gerade eine Wohnung in der Nähe des Itchen, die Fox & Sons verkaufen wollte, besichtigt und war dabei, ins Büro zurückzueilen. Ich liebe es, in der Gegend am Fluß spazierenzugehen. Der Fluß und der an seinen Ufern gelegene Park sind ein idealer Ort für Leute, die allein sein möchten.
Natürlich auch ein hervorragender Platz zum Schmusen für junge Liebespaare. Plötzlich erblickte ich Salina allein am Ufer des Flusses. Sie sah melancholisch den auf dem Wasser schwimmenden Gänsen zu. Mein Gefühl sagte mir, daß sie Hilfe brauchte und unglücklich war. Ich näherte mich ihr.

„Sind Sie nicht Salina?“ fragte ich.
Sie sah mich mit starrem Blick an. Ihre Lider waren geschwollen, die Augen feucht. Sie antwortete nicht, aber sie versuchte ein Lächeln.
„Ich bin James Morley, vielleicht erinnern Sie sich noch an mich.“
„Ja, ich erinnere mich an Sie. Wie geht es Ihnen?“ fragte sie.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Ja, bitte.“

Ich setzte mich neben sie, und wir sahen gemeinsam auf den Fluß mit seiner starken Strömung. Er schien kalt und klar. Plötzlich fühlte ich mich irgendwie schuldig, besonders, weil ich sah, daß sie nach der Trennung von Paul so depressiv geworden war. Ich nahm mir vor, etwas zu tun, damit sie wieder lächeln könnte. An jenem Tag erfuhr ich, was das eigentliche Problem ihrer Beziehung mit Paul war. Sie sage mir, daß sie ihn sehr liebe und möchte, daß die Beziehung fester würde und daß sie beide heirateten. Sie verstand nicht, warum Paul sie verlassen hatte.

Salinas Erzählung machte mich betroffen. Ich hätte mich am liebsten selbst zum Teufel gewünscht. Schließlich hatte ich in ihrer Beziehung eine Rolle gespielt, und deshalb war ich an Salinas gebrochenem Herzen nicht ganz unschuldig. Meinen Vorsatz, Salina wieder zum Lächeln zu bringen, habe ich in die Tat umgesetzt. Sie ging auf meinen Vorschlag ein, daß wir uns gelegentlich treffen. Der Itchen wurde unser Lieblingsplatz. Von dort aus kann man Schloß Wolvesey zu Fuß erreichen oder den St. Gills Hügel hinaufklettern und da sitzen. Vom obersten Punkt des Hügels reicht der Blick bis zum belebten Stadtzentrum von Winchester am Fuß des Hügels.

Eines Abends besuchte ich mit Salina ein italienisches Restaurant im Hafen von Southampton. Im funkelnden Glanz der Sterne sagte ich ihr, daß ich ein Teil ihres Lebens sein möchte.
Ihr Gesicht hatte sich gerötet, sie blickte in die Flammen der Kerzen auf dem Tisch, die durch den Wind hin- und herflackerten. „Wie ist das möglich...?“ fragte sie mit zitterender Stimme.
Ich ergriff ihre kalte Hand, um sie zu ermuntern, auszusprechen, was sie fühlte. Dann sagte ich:“Wie steht es denn mit deinem Gefühl, Salina?“ Sie sah mich schweigend an, dann erwiderte sie mit leiser Stimme:“James,du bist in einem Augenblick in mein Leben getreten, wo ich sehr verzweifelt war. Nun liegt mein Schicksal in deiner Hand.

Es war die diplomatischste Antwort, die ich je von einer Frau gehört hatte, aber sie machte mich glücklich. Je näher ich sie kennenlernte, umso mehr wurde mir bewußt, daß sie anders war als die Frauen, die ich bisher gekannt hatte. Aber mein Gefühl für Salina verursachte mir Unbehagen in bezug auf Paul. Ich erinnerte mich, wie abschätzig ich mich Paul gegenüber über Salina geäußert hatte, bevor ihre Beziehung dann zu Ende ging.

Die Zeit bis zum Herbst verging wie im Flug. Salina begann, über ernste Dinge zu sprechen. Mir war klar, daß sie von mir erwartete, daß ich mich äußern würde, wie es nach Abschluß ihrer Forschungsarbeit mit uns weitergehen würde. Ich kam mir vor wie ein Esel.

Schließlich sagte ich schweren Herzens:“Salina, ich kann Dir noch nichts versprechen ...“

Ich wartete, wie sie wohl darauf reagieren würde. Ich rechnete damit, daß sie in Tränen ausbrechen oder mich ohrfeigen würde. Aber Salina schwieg, ihr Blick war leer und abwesend. Mir war klar, daß sie erneut verletzt war.

Schließlich küßte sie mich auf beide Wangen. „Ich verstehe, James,“ sagte sie mit zitternder Stimme, als ob sie die Tränen zurückhielte. „Ich verstehe...“

Eine Woche nach unserer Trennung erfuhr ich, daß Salina ihre Diplomarbeit erfolgreich verteidigt hatte. Bald darauf kehrte sie in ihre Heimat zurück. Sie weiß nicht, wie traurig mich ihre Abreise macht. Mein Herz ist ebenso verletzt. Ich kann nur hoffen, daß die Zeit mir helfen wird, darüber hinwegzukommen.


Winchester, November 1994

Friday, April 07, 2006

DAS CAFE' AM SEEUFER



Wir trafen uns immer in unserem Stammcafé. Es lag am Ufer eines Sees, hinter einem Park, auf den alle Einwohner der Stadt stolz waren.
Meist besuchte ich das Café am Nachmittag, wenn die Luft feucht wurde und der Himmel sich wegen der Wolken zu verdunkeln begann. Der wohltemperierte Raum des Cafés war ein angenehmer Ort für mich, um dem stets ausgefüllten täglichen Arbeitstag für eineWeile zu entfliehen.
Als ich an jenem bewußten Nachmittag das Café betrat, war mein Lieblingsplatz am Fenster das Ziel heftiger Windattacken. Die Fensterflügel bewegten sich so stark, als ob sie sich selbst schließen wollten,und sie ließen kühle Luft in den Raum. Ich achtete jedoch nicht darauf, denn ich erwartete Antonio. Wir hatten uns in dem Café verabredet, um ein ernstes Gespräch über die Zukunft unserer Beziehung zu führen.Ich wartete, wartete und wartete. Doch Antonio kam nicht. Die Jalousien des Cafés wurden heruntergelassen, Antonio war noch immer nicht in Sicht. Der dicke italienische Kellner komplimentierte michhinaus.
Meine Enttäuschung hielt mich jedoch nicht davon ab, das Café am Seeufer weiter zu besuchen, um eine Tasse Kaffee und ein Stück Erdbeerkuchen zu genießen und den grünbraun-gefiederten Enten, die auf dem See schwammen, zusehen.
Um Punkt sieben Uhr verließ ich das Café, um meine Tochter Lisa vom Ballet Schule abzuholen. Manchmal legten wir den Weg zu unserer kleinen Wohnung zu Fuß durch den Park zurück, manchmal benutzten wir auch den roten Bus, der stets pünktlich alle fünfzehn Minuten von der Haltestelle vor dem Schule abfuhr.
Antonio war natürlich nicht vom Erdboden verschwunden. Nach wie vor kam er ins Labor auf dem Universitätsgelände und nahm an den Seminaren teil. Doch die von ihm nicht eingehaltene Verabredung im Café setzte unserer Beziehung ein natürliches Ende.
Eines Tages kam eine Frau an meinen Tisch im Café. „Ich heiße Silvia,“ sagte sie. „Mir ist aufgefallen, daß Sie nahezu jeden Tag hier sitzen.“
„Dann haben wir etwas gemeinsam,“ antwortete ich, während ich mich bemühte, sie anzugrinsen. „Wir sind beide treue Gäste dieses Cafés. Ich heiße übrigens Maria.“
Nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht hatten, waren wir bald in ein Gespräch über unsere Arbeit vertieft. Silvia kam aus Mexiko und hatte einen Doktorkurs für Psychologie am gleichen Institut belegt, wo ich als Forscherin tätig war. Sie wohnte im Studentenheim hinter dem Südhang von Southampton.
„Wenn es so ist, dann kann es doch sein, daß wir uns auf dem Unigelände zum gemeinsamen Mittagessen in der Cafeteria treffen,“ meinte ich. „Vielleicht können wir uns ja auch gelegentlich besuchen.“
Silvia schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, daß du jemand bist, derviel Zeit für Gespräche mit mir hat. Du sitzt lieber allein in der Eckedes Cafés und beobachtest die auf dem See schwimmenden Enten. Duliebst die Einsamkeit, hängst deinen Gedanken nach und genießt das ...“
Ich sah sie an und antwortete zögernd:“Du hast recht. Ich habe zurZeit Liebeskummer. Deshalb verbringe ich mehr Zeit in dieser Caféecke als sonst.“
“Du denkst wohl, du bist der einzige Mensch auf der Welt mit Liebeskummer?“ fragte Susana. Ich war sprachlos. Sie fuhr fort:“Ich war noch nicht einmal zwei Jahre verheiratet, als Gabriel mich urplötzlich verließ.“
Die Worte kamen Silvia einfach so und mit kalter Stimme über dieLippen. Stumm hörte ich ihr zu. Es war, als ob eine scharfes und schmerzliches Gefühl mein Herz traf. Ich bin äußerst empfänglich für solche traurigen Lebensgeschichten wie diese.
Zitternd trank ich meinen Kaffee. Meine Augen wurden feucht, als ich ihr sagte:“Weißt du, Silvia, meine Ehe ist auch in die Brüche gegangen. Als ich geschieden wurde, war meine Tochter Lisa noch nicht einmal fünf Jahre alt. Ich fühlte mich absolut am Boden zerstört damals und wußte nicht, was ich tun sollte.“
Ich erzählte ihr, wie ich dann mein Leben nach der Scheidung wieder in den Griff bekommen hatte. Ich nahm meine Tätigkeit als Forscherin an der Universität wieder auf, wie ich es vor meiner Heirat vor fünf Jahren, als ich Frau Widodo wurde, getan hatte. Schließlich schaffte ich es, ein Forschungsstipendium für dieses Land zu bekommen.
„Du hast deine Tochter mitgebracht?“ frage Silvia.
„Ja, und zusätzlich zur Schule habe ich sie in einer Tanz und Sportschule,wo sie täglich Unterricht in Gymnastik und Ballett erhält, angemeldet. Sie befindet sich in der Nähe, und ich kann auf Lisa warten, bis der Unterricht zu Ende ist.“
Die Treffen mit Silvia wurden ein Teil meiner Alltagsroutine. Die Anwesenheit einer Schicksalsgenossin trug dazu bei, daß die Wunde, die die Trennung von Antonio in meinem Herzen hinterlassen hatte, allmählich heilte.
„Es ist noch nicht lange her, daß auch ich Liebeskummer hatte,“ erzälte Silvia eines Tages in der Caféecke. „Er hieß Rafael. Ich hatte ihn sechs Monate nach meiner Scheidung von Gabriel in Mexiko kennengelernt. Rafael war fünf Jahre älter als ich, verwitwet, mit zwei Kindern. Wir verbrachten fast jedes Wochenende gemeinsam. Wir kochten zusammen, machten Ausflüge, vergnügten uns beim Schwimmen, und stets waren die Kinder dabei. Du mußt wissen, das Schwierigste in einer Beziehung mit einem Witwer mit Kindern ist, ein harmonisches Verhältnis zu den Kindern zu finden. Und ich glaube, ich hatte es geschafft, die Kinder liebten mich genauso wie ihren Vater.“
Susana schwieg einen Augenblick, langsam blies sie den Rauch ihrer Zigarette in die Luft, ihre schwarzen Augen blickten abwesend. „Vor meiner Abreise nach England hatten wir uns verlobt. Doch vor zweiMonaten kam einen nachricht von Rafael, in dem er mir mitteilte, daß ernicht drei Jahre bis zum Ende meines Studiums warten könne. Er ließ mich wissen, die Kinder brauchten sobald als möglich eine Mutter. Am Ende des Briefes erklärte er, daß er bereits eine Frau, die bereit sei, ihn bald zu heiraten und die Mutter der Kinder zu werden, gefunden habe.“
Sie drückte ihre Zigarette aus und sah mich an. Mit rauer und schmererfüllter Stimme sagte sie:“Weißt du, Maria, den Männern kann man einfach nicht vertrauen.“
Als ich an den darauffolgenden Tagen mit Lisa im Stadtpark spazierenging, und den grünbraun- gefiederten Enten beim Schwimmen auf demSee zusah, mußte ich ständig an Silvias Worte denken. Trifft es denn zu, daß man den Männern wirklich nicht vertrauen kann?
Ich hatte noch nie Glück in der Liebe gehabt. In jungen Jahren funktionierten meine Liebesbeziehungen nicht, weil ich zu schüchtern war,und die jungen Männer, die sich für mich interessierten, sich daraufhin anderen Mädchen, die in diesen Dingen dynamischer und offener als ich waren, zuwandten. In meiner Studentenzeit, also vor meiner Heirat mit Widodo, hatte ich einen Freund, der andauernd etwas an mir auszusetzen hatte. Er beklagte sich darüber, daß ich mein Studium zu ernst nähme und zu wenig Zeit für gemeinsame Unternehmungen bliebe. Eines Tages, als ich gerade viel mit Semesterarbeiten zu tun hatte, eröffnete er mir, daß er allein Urlaub in Bali und Lombok machen wolle. Ein paar Tage nach seiner Abreise erfuhr ich, daß er nicht allein verreist war, sondern mit einem Mädchen aus unserer Uni.
„Außer dir gibt es noch viele Frauen auf der Welt, deren Beziehungen und Ehen gescheitert sind. Und viele von ihnen schaffen es nicht, sich ein eigenes Leben aufzubauen und dabei noch ein Kind großzuziehen, so wie du,“ sagte Silvia bei einem unserer darauffolgenden Treffen.
Ich gab ihr recht. Ich sollte meine Situation nicht beklagen und dankbar sein, daß ich auf eigenen Füßen stehen, Lisa großziehen und als Forscherin im Ausland arbeiten kann. Nur etwas verunsicherte mich.Konnte ich noch auf die Liebe vertrauen? Würde sie noch einmal eine Rolle in meinem Leben spielen? Ich sprach jedoch nicht mit Silvia darüber, denn ich war überzeugt, sie würde zynisch darauf reagieren.
„Was glaubst du denn, was es war zwischen mir und Rafael? Es war Liebe. Liebe. Aber für Rafael dauerte sie nur eine Saison. Sobald ich Mexiko verlassen hatte, war es mit Rafaels Liebe vorbei.“
Ich konnte von Glück reden, daß mich die gescheiterte Beziehung zu Antonio nicht allzu traurig gemacht hatte. Meine Arbeit im Labor und die Tatsache, daß Lisa stark mit den Schuljahresendprüfungen beschäftigt war, ließen mir keine Zeit, viel darüber nachzudenken. Drei Wochen lang mußte ich auf meine Besuche im Café am Seeufer verzichten, was natürlich auch bedeutete, daß ich Silvia eine Zeitlang nicht sehen konnte.
Nachdem die angestrengten Wochen vorbei waren und Lisa die Prüfungen für die Versetzung in die nächste Klassenstufe geschafft hatte, nahm ich meine Besuche im Café am Seeufer wieder auf. Das Gebäude war unverändert wie früher, alt, aber gleichzeitig sehr künstlerisch gestaltet. Der Inhaber des Cafés hatte auf jedem Fenstersims und auf der Balkonbrüstung Blumentöpfe aufgestellt, was dem Orteinen fröhlicheren Charakter verlieh.
Paolo, der dicke italienische Kellner, lächelte breit, als ich das Café betrat. „Sie waren ja so lange nicht hier, waren Sie verreist?“, fragte er freundlich. „Ihr Stammplatz in der Ecke hat Sie offensichtlich schon vermißt.“
Ich lachte. „Ich habe ihn auch vermißt. Ich hatte so viel zu tun vor den Sommerferien. Und ich mußte meiner Tochter für die Prüfungen Mut machen.“
Antonio zog die Augenbrauen in die Höhe. „Und, hat sie bestanden?“
„Ja,“ antwortete ich. „Ihr Lehrer meint, sie sei ein großes Gymnastiktalent. Im Moment macht sie Ferien mit Schulfreunden in einem Bauernhaus in New Forest.“
„Das ist ja echt cool,“ sagte Paolo. Wissen Sie, als Kind habe ich davon geträumt, einmal Sportler zu werden, aber ich bin zu dick und zu träge, um Diät zu halten. Letztendlich war die Küche dieses Cafés Endstation meiner Karriere.“
„Seien Sie nicht so traurig Paolo, das Leben geht doch immer weiter, nicht wahr? Wer weiß, was die Zukunft noch für Sie bereithält!“
Ich ließ meine Blicke durch den Caféraum schweifen. Es waren nurwenige Gäste da. Im Sommer saßen die Leute lieber im Stadtpark als in einem geschlossenen Caféraum. Ein junger Mann saß in eine Zeitung vertieft in der Nähe meines Lieblingsplatzes. In einer anderen Ecke genoß ein Paar im fortgeschrittenen Alter seinen Kaffee und unterhielt sich angeregt mit leiser Stimme. Silvia war nicht zu sehen.
Am nächsten Tag besuchte ich wie üblich das Café und saß auf meinem Eckplatz. Die grün-braun gefiederten Enten schienen noch lebhafter als sonst. Im Sommer konnten sie sich länger auf dem See tummeln. Eilig aß ich meinen Erdbeerkuchen auf, denn ich bemerkte, daß es schon spät war.
Silvia schien wie vom Erdboden verschluckt. Zwei Wochen lang traf ich sie nicht ein einziges Mal im Café. Ich dachte, daß sie sicher Urlaub im Ausland macht. In diesem Sommer waren fast alle meine Freunde ins Ausland an so exotische Orte wie Mallorca, Zypern oder Griechenland gereist, um dort die Sonne und die Sandstrände zu genießen. Ich hatte den Gedanken gehabt, mit Lisa nach Spanien oder sogar nach Hause nach Indonesien zu fliegen, aber meine Arbeit nahm ständig an Umfang zu, und ich investierte eine Menge Geld in meine Forschung und in neue Sportkleidung für Lisa.
Am fünfzehnten Tag erhielt ich einen Brief von Silvia. Er war nicht lang, aber sein Inhalt sehr erfreulich.

Liebe Maria,
ich bin zur Zeit noch in Mexiko. Das Wetter hier ist sehr schön, obwohl ein wenig wärmer als im Juli in England. Ich habe Freunde und meine gesamte Familie wiedergesehen. Alle waren sehr begierig darauf zu hören, was ich ihnen über mein Studium in England zu erzählen habe. Viele meiner Freunde würden gern eine Weiterbildung bis zum Erwerb eines postgradualen oder Doktorgrades machen, aber sie scheuen sich, Mexiko zu verlassen. Du weißt ja sicher aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, die Familie und Freunde zu Hause für einen Aufenthalt im Ausland zu verlassen, auch wenn es nur für eine begrenzte Zeit ist.
Und noch etwas anderes. Ich habe Rafael wiedergetroffen. Aus seiner Heirat mit jener Frau ist nichts geworden. Wir haben uns mehrmals gesehen und uns ausführlich unterhalten. Unsere Beziehung ist wieder so wie früher. Sollte sich etwas neues ereignen, werde ich es dir mitteilen. Auf jeden Fall bin ich sehr glücklich, Rafael wiedergetroffen zu haben.
Soviel für heute, meine Liebe. Ich warte schon sehr gespannt darauf,von dir zu hören, wie es dir auf deinem Eckplatz im Café am Seeufer geht.
Liebe Grüße, Silvia.

Silvias Brief war eine große Überraschung für mich. Silvia, die sich immer frustiert und zynisch über die Liebe und ihre Beziehung zu Rafael geäußert hatte, war plötzlich wie verwandelt. Gutgläubig versöhnte sie sich mit Rafael, der sie doch enttäuscht hatte und von dem sie gesagt hatte, er gehöre zu der Sorte Mensch, der man nicht vertrauen könne.
Aber ich wollte mich nicht in ihr Privat leben einmischen. Ich glaube daran, daß jeder Mensch einen starken Instinkt in sich trägt, um da die Dinge, die für ihn im Leben wichtig sind, zu entscheiden.
Das Café am Seeufer war weiterhin wie ein treuer Freund für mich. Obwohl der Wind nicht mehr so heftig wehte und der Himmel im Sommer klarer war, betrachtete ich das Café als einen angenehmen Ort, um mich von der Arbeit zu entspannen und auf die Rückkehr Silvias aus dem Urlaub zu warten.
Eines Tages war der Himmel plötzlich grau geworden und es regnete in Strömen. Paolo hatte rasch die Fenster des Cafés geschlossen, damit es nicht hereinregnete. Ich mußte meinen Lieblingsplatz verlassen und mich an einen anderen Tisch setzen. So ging es auch einem anderen Besucher, der in der Nähe des Fensters gesessen hatte.
„Sie scheinen Stammgast in diesem Café zu sein,“ sagte er, nachdem er sich auf einen Stuhl neben mir gesetzt hatte. Er lächelte freundlich und sein intelligenter Gesichtsausdruck ließ mich zurücklächeln.
Der Mann hieß Lawrence, er war Finanzberater bei einer Bank nicht weit vom Café. „Früher habe ich in der Zentrale in London gearbeitet.Erst in diesem Monat wurde ich in diese Filiale versetzt,“ sagte er.
Lawrence erzählte mir, daß er fast jeden Nachmittag nach Arbeitsschluß in dieses Café komme. Obwohl nahezu jede halbe Stunde einZug nach London fahre, nehme er immer den um 19.30 Uhr abends.Im Moment denke er darüber nach, sich eine Wohnung in Southampton zu suchen.
In den darauffolgenden Tagen wurde Lawrence einer meiner ständigen Gesprächspartner in dem Café am Ufer des Sees, da Silvia ja noch inMexiko weilte.
„Ich glaube, du bis eine Frau voller romantischer Gefühle,“ sagte Lawrence eines Tages, „es macht dir Freude, den Enten zuzusehen, wie sie auf dem See schwimmen und an den Blumen auf den Fensterbrettern des Cafés zu riechen.“
Ich trank langsam meinen Kaffee, dann sagte ich:“Ja, vielleicht hast du recht. Ich bin wirklich jemand, der allen Dingen gegenüber sehr empfindsam ist. Das betrifft sowohl die bitteren als auch die angenehmen Seiten des Lebens, aber auch die Schönheit der Natur.“
„Jeder Mensch macht bittere und glückliche Erfahrungen im Leben,“ sagte Lawrence, „das geht nicht nur dir so, Maria.“
An der Art, wie er mich ansah, merkte ich, daß er zuf ergründen versuchte, was ich fühlte. Das erinnerte mich an mein erstes Gespräch mit Silvia, die mir damals das Gleiche gesagt hatte, und ich fragte mich: Sehe ich wirklich so traurig aus? Ich ließ meine Blicke durch das Fenster nach draußen schweifen und beobachtete, wie der Wind die Blumen zauste. In meinem Herzen befand sich eine Wunde, die wahrscheinlich nie vernarben würde. Ich dachte, daß dieser Platz in der Caféecke die bitteren Gefühle, die manchmal in meinem Herzen aufkommen, von mir fernhalten könnte. Auf einmal spürte ich ihn wiederjenen brennenden, scharfen Schmerz.
„Du bist eine sehr angenehme Gesprächspartnerin,“ sagte Lawrence, bevor wir das Café verließen. Paolo begann die Jalousien des Cafés herunterzulassen und verbschiedete uns auf Italienisch.
„Vergeßt nicht, morgen wiederzukommen,“ rief er uns noch nach.
„Bestimmt,“ antwortete ich.
„Natürlich,“ rief Lawrence mit einem Seitenblick auf mich.
Paolo lächelte breit. Er war sich sicher, daß wir wohl noch lange immer wieder in das Café am Seeufer kommen würden.

Southampton, 1995







Thursday, April 06, 2006

DER STORCHENTRAUM

Die Stadt hatte den Beinamen el ultimo paraiso – das letzte Paradies. Für Laura Mondrego war Conil jedoch nichts weiter als ein Gefängnis.

Wahrscheinlich hätte Lauras Mutter Helena, 60 Jahre alt, ihr darin nicht zugestimmt. Sie litt an Osteoporose und hatte Conil ihr ganzes Leben lang nicht ein einziges Mal verlassen. Hier hatte sie geheiratet, Laura zur Welt gebracht, war von ihrem Mann, der nach Barcelona ging, verlassen worden und nun war sie krank und wartete quasi auf den Tod. Laura mußte arbeiten, um Geld für ihrer beider Lebensunterhalt zu verdienen. Anfangs hatte sie einen Nebenjob als Flamencotänzerin in Manolos Bar. Die Bar lag in ziemlicher Entfernung vom Strand auf einem Hügel. Doch bald kamen jüngere Tänzerinnen zu Manolo, und Laura mußte ihnen das Feld überlassen.

„Ich glaube, ich bin zu alt, um weiter hier zu tanzen,“ sagte sie eines Tages zu Manolo. Sie hatte soeben ihren Auftritt beendet, nach ihr kam ein blinder Sänger die Bühne, der exzellent Gitarre spielte und traditionelle spanische Klänge voller Romantik und Melancholie darbot. „Du brauchst mir nicht erst zu sagen, daß ich hier nicht mehr erwünscht bin, ich gehe in der kommendenWoche von selbst.“

Sie bemerkte einen Ausdruck von Traurigkeit in Manolos rundem Gesicht. Er reichte Laura ein Glas Rotwein mit verschiedenen frischen Früchten darin, als ob er sie damit aufheitern wollte. „Eigentlich möchte ich, daß du weiter hier tanzt, aber offensichtlich mögen die Touristen lieber die jungen Mädchen. Wenn du willst, gebe ich dir einen anderen Job, zum Beispiel als Bardame. Da verdienst du auch ganz gut ....“
Laura hatte keine Lust, Manolo weiter zuzuhören, sie wußte, daßer log. Den Touristen war es egal, ob eine Tänzerin schon etwas älter oder noch ein junges Küken war. Außerdem fand sie sich noch nicht zu alt, sie war erst 32, ihr Körper noch attraktiv und ihr Gesicht sehr schön. Das Problem lag bei Manolo selbst, denn einer Angestellten wie Laura mußte er mehr Lohn zahlen als drei kleinen Schulmädchen, die mit Tanzen ihr Taschengeld aufbessern.
Eine Woche später gab Laura den Job als Flamencotänzerin auf. Sie arbeitete fort an als Barmädchen, allerdings nicht in Manolos Bar, sondern im Restaurant La Prensa. Das Restaurant ist in einer kleinen Straße, die zum Strand führt, gelegen, immer voller Touristen, die in der Sonne sitzen und den Anblick des blauen Meeres genießen wollen. Am Eingang war ein blauweißes Zelt, das die aufgestellt, um die Touristen vor den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, ebenso auf der linken und rechten Seite, um den stürmischen Wind abzuhalten. Obwohl sie viel zu tun hatte, ging Laura der Gedanke daran, Conil eines Tages den Rücken zu kehren, nicht aus dem Kopf.
„Ich habe es satt, hier zu leben, ständig die gleichen Leute zu treffen, die gleiche Luft zu atmen, immer das gleiche zu sehen und diegleichen Gespräche zu hören,“ sagte Laura zu ihrer Arbeitskollegin. Ich beneide die Touristen. Sie kommen von weither in die Stadt, dann fliegen sie nach Hause zurück und eine Woche später starten sie schon wieder zu einem anderen Ort in einem anderen Erdteil. Ach, ist das schön!“
„Träum nicht,“ antwortete Maria, die Laura angesprochen hatte.“Wie viel verdienst du denn hier? Glaubst du, du kannst woanders ohne Geld leben?“
Laura schwieg eine Weile. Sie stand mit verträumten Augen an denBartresen gelehnt und sah Maria dabei zu, wie sie verschiedene Getränke mixte. „Ich träume oft davon, daß mir eines Tages ein Mann mit Geld begegnen wird, mit dem ich diesen Ort verlasse,“ sagteLaura.
In der Tat traf der Mann ihrer Träume kurze Zeit später ein, einige wenige Tage nach den Osterfeiertagen, als die Zahl der Touristen, deren fremde Sprachen Laura nicht verstand, zunahm. Im Restaurant La Prensa bekam man immer schwerer einen Platz, so daß viele Gäste auf der niedrigen Mauer mit direktem Blick auf den StrandPlatz nahmen. Sie erfrischten sich mit kalten Getränken und redeten in großer Lautstärke, um die Stimmen der übrigen Gäste zu übertönen.
Er hieß Volken, war 40 Jahre alt, von kleiner Statur und hatte eineHalbglatze. Er trug eine runde Brille mit dicken Gläsern, die ständig bis zur Nasenspitze herabrutschte und hatte einen dichten, wildwachsenden Bart.
„Es hat hervorragend geschmeckt...“, begann Volken ein Gespräch mit Laura, als sie dabei war, den Tisch abzuräumen, nachdem er eine Kleinigkeit, bekannt mit dem Namen Tapas, zu sich genommen hatte. „Hmm, zum ersten Mal habe ich so etwas gegessen, welche Zutaten nehmen Sie denn dafür?“
Laura bemühte sich um ein freundliches Lächeln. „Ich weiß leider nicht, wie diese in Ihrer Sprache heißen. Wir machen sie aus Pilzen,so groß wie die Knöpfe an meinem Rock, den ich anhabe, sie werden mit Brotkrumen, die zuvor mit Milch, Rauchfleisch, Knoblauch,Ei und bestimmten Kräutern wie Oregano und Petersilie vermischtwerden, gemacht. Wollen Sie noch eine Portion davon bestellen?“
Volken stammelte „ja, gewiß. Aber wenn möglich, bitte ich Sie,mit mir gemeinsam zu essen und sich mit mir zu unterhalten. Außerdem möchte ich mit Ihnen mein Spanisch praktizieren. Jo hablo Espanol solo pokito. Wie finden Sie es, schrecklich, nicht wahr?“
„Keineswegs, Sie sprechen klar und fließend. Ich heiße übrigensLaura Mondrego, wenn Sie sich mit mir unterhalten möchten, müssenSie sich bis 17 Uhr gedulden, dann habe ich frei,“ erwiderte Laura und blickte Volken von der Seite an, der verschämt lächelte. Das ist der Mann, auf den ich gewartet habe, dachte Laura, als sie zurück in die Restaurantküche ging. Zahlreiche Träume schwirrten in ihremKopf herum.
Eigentlich war Laura nicht unbedingt erpicht auf ein Rendezvous mitVolken. Aber die Vorstellung, Conil verlassen zu können, einen Mann zu finden, der sie aus ihrer langweiligen Umgebung heraus mit ins Ausland nehmen würde, veranlaßte sie, dem Treffen mit Volken eine positive Seite abzugewinnen. Er war Verwaltungsangestellter in seiner Heimatstadt, sein Bildungsgrad nicht wesentlich höher als der Lauras, er hatte nur Realschulabschluß bzw. mittlere Reife. Seiner Erzählung zufolge war sein Job nichts besonderes, eher langweilig.
„Ich bin nur ein kleiner Angestellter,“ sagte Volken, „mit niedrigemGehalt und ohne vielversprechende Karriereaussichten.“
„Selbst wenn Ihr Gehalt niedrig ist, können Sie sich einen Flug in mein Land leisten, Geld für Essen und Unterkunft ausgeben,“ antwortete Laura, als ob sie dem Groll ihres Herzens Luft machen wollte,“denn Ihr Land ist wohlhabend und die Arbeitnehmer bekommen ausreichend Lohn.“
Sie saßen gemeinsam im weißen und von den Sonnenstrahlen nochwarmen Sand am Strand. Die Sonne war bereits untergegangen und der Wind nahm zu. In und vor den Gebäuden entlag des Strandes wurden die Beleuchtungen eingeschaltet, und es sah aus, als ob sich viele kleine funkelnde Sterne über den dunklen Himmer verteilten.Laura dachte an ihr kleines Gehalt, das sie für ihre Arbeit erhielt und wurde traurig. Welches Leben konnte sie sich mit den wenigen einkomen im Monat denn leisten? Konnte sie sich davon ihren Traum, in ferneLänder zu reisen und fremde Sprachen zu hören, die ihre Ohren zuvor noch nie vernommen hatten, erfüllen? Nein, dachte sie, das ist absolut illusorisch. Aber da war plötzlich Volken, der ihr neue Hoffnung gab. Laura erschien er wie ein Storch, der mit einem in Stoff eingewickeltem schlafenden Baby in seinem großen kräftigen Schnabel davonzufliegen bereit war. Und das Baby wäre niemand anderes als sie selbst, Laura Mondrego, eine ehemalige Flamencotänzerin, geboren in einer abgelegenen Stadt im Süden des europäischen Kontinents, eine arme Kellnerin in einem Restaurant, dienie aufgehört hatte, von einem schönen Leben voller Abenteuer zu träumen.
Volken bleib drei Wochen in Conil. Nahezu jeden Tag besuchte er Laura im La Prensa, nach dem Ende ihrer Dienstes trafen sie sich amAbend. Meist ging der Tag mit Umarmungen, leidenschaftlichen Küssen und Sex in der Unterkunft, in der Volken sich für die Zeitseines Urlaubs eingemietet hatte, zu Ende. Oder aber am Strand, wenn nicht so viele Leute in der Nähe waren. Jeder Tag verlief auf dieseWeise, bis der Zeitpunkt der Abreise für Volken gekommen war.
„Anfang der Woche muß ich wieder im Büro sein,“ sagte Volken. „Einfach schrecklich, all das Schöne, das wir gemeinsam erleben, hinter mir zu lassen...“
Laura spielte mit Volkens Nackenhärchen. Sie sah, wie er vor Aufregung schwitzte und seine Brille war bis zur Nasenspitze gerutscht, ohne daß er sie wieder an ihren Platz geschoben hätte. Dann fragte er Laura:“Liebst du ... mich?“
Sie sahen sich eine Weile in die Augen. Laura wußte, dies war derAugenblick, auf den sie gewartet hatte. Eine Frage, auf die eine Antwort erfolgen würde, und dann würden Pläne für eine gesicherte Zukunft geschmiedet.
„Ja,“ antwortete sie wenig später.
Volken holte tief Atem, dann küßte er Laura zärtlich. „Das habe ich mir schon gedacht.“
„Und wie steht es mit dir?“
„Aber natürlich, meine Süße. Wie kannst du nur so etwas Dummes fragen!“
An diesem Abend sprachen sie nicht weiter über Zukunftspläne.Sie vereinbarten nur, daß Volken sobald als möglich, das heißt im kommenden Winter, Urlaub nehmen würde, um Laura zu besuchen. Er gab ihr seine Heimatadresse, damit sie sich regelmäßig mit ihm in Verbindung setzen konnte. Außerdem machten sie Pläne für Mitte des kommenden Jahres für Laura. Laura warte schon mit Ungeduld auf den Augenblick, wo diese Pläne Wirklichkeit würden, nämlich, wenn sie alle ihre Sachen packen und dem tristen Lebenin Conil Adieu sagen würde.
„Ich werde weit weggehen!“ rief Laura am Montag der darauf folgenden Woche, nachdem Volken abgereist war. "Ich werde diesen verdammten Ort verlassen!“
Sie sah, wie Maria über ihre Worte nur lachte. „Ich hoffe nur, duwirst nicht verrückt, ehe dein Traum in Erfüllung geht. Trotzdem freue ich mich für dich.“
An den Bartresen gelehnt, bot ihr Maria eine Zigarette an, die Laura mit zitterender Hand nahm. Sie war ziemlich durcheinander. „Weißt du, Maria, ich mußte immerzu daran denken und habe deshalb keinAuge zugetan. Seit meiner Geburt bin ich keiner anderen Stadt in Spanien, geschweige denn in einem anderen Land gewesen.“
„Ich auch nicht,“ sagte Maria und blies den Rauch ihrer Zigarettein die Luft. „Aber ich träume auch nicht von solchen Dingen wie du.“
Der Sommer in Conil wollte scheinbar nicht zu Ende gehen. Es war, als ob die Sonne nicht aus der Stadt, die stets voller Besucher war,weichen wollte. Anfang Oktober setzte der Regen ein, ein Zeichen für den Herbstanfang. Nahezu jeden zweiten Tag bekam Laura eine
Ansichtskarte oder einen Brief romantischen Inhalts von Volken. Zu Wintersanfang am Ende des Jahres kam ein Brief, in dem er ihr mitteilte, daß er nicht kommen könne. Sein Vater war gestorben. Ich werde nach dem Ablauf der Trauerzeit kommen, wenn meine Mutter sich so weit erholt hat, daß ich sie allein lassen kann, wahrscheinlich im Frühjahr nächsten Jahres.
Ein paar Monate später wurde es Frühling. Aber ein neues Unglücktraf Volken. Er verlor seinen Arbeitsplatz. In einem Brief versuchte er, Laura ausführlich zu erklären, welche Fehler seinerseits dazu geführt hatten, daß er entlassen wurde, aber Laura verstand seine beruflichen Probleme nicht. Ihr war nur klar, daß sie weiter in dieser langweiligen Stadt warten mußte. Zwar verfügte Volken noch übergenügend finanzielle Mittel, die ihm einen Flug zu Laura erlaubt hätten, aber er beschloß, sich erst einmal einen neuen Job zu suchen.
Es gab auch verschiedene Angebote mit Vorstellungsterminen, so daß die Hoffnung bestand, er könnte im kommenden Sommer bereits wieder arbeiten und Laura anschließend im Herbst besuchen.
Die Aufnahme der neuen Tätigkeit zog sich bis zum Herbst hin,so daß Volkens Reise zu Laura erneut verschoben werden mußte.
Hab Geduld, Liebste, ich komme im nächsten Urlaub.
Es wurde Herbst,
Winter,
Frühling,
Sommer,
Herbst ....

Laura stand reglos an der Tür des Restaurants, in dem sie angestellt war. Ihr Blick schweifte in die Ferne bis zum Strand und den rollendenWellen des Meeres.

Conil de la Frontera, April 1998

Wednesday, April 05, 2006

WEINACHTSBESUCH


Die verwirklichung seines Planes war nicht einfach fuer Jürgen. Erstens fühlte er sich nach seiner Rückkehr in die Heimat nach jahrelanger Tätigkeit in Südafrika noch fremd und zweitens war er sich nicht sicher, ob er die Familie für sein Vorhaben würde gewinnen können.
Jürgen Spiegel saß stumm auf einem Holzstuhl nahe der Heizung in seiner kleinen Wohnung in Berlin. Er fühlte sich leer und ausgebrannt. Gerade erst vor zwei Tagen war er aus Südafrika nach Berlin, seiner Heimatstadt, zurückgekehrt. Er sehnte sich so danach, die ihm vertrauten Geschichter seiner Lieben wiederzusehen, das seiner ehemaligen Frau, seiner kleinen Tochter, seiner Eltern, seiner Schwester und seines eigensinnigen jüngeren Bruders.
In einem Monat würde Weinachten sein, und Jürgen träumte von einem Familienfest, zu den alle seine Lieben zusammenkommen würden. Die Frage war nur, ob dies möglich wäre. Könnte es ihm gelingen, alle an verschiedenen Orten lebenden Familienmitglieder zu versammeln? Er wählte die Telefonnnummer seiner Mutter. Mit angehaltenem Atem lauschte er, wie es am anderen Ende dreimal klingelte, dann wurde der Hörer abgenommen, und es meldete sich eine weibliche Stimme.
"Halo mama, hier ist Jürgen," sagte er,"Ich bin in Berlin"
Die Stimme seiner Mutter klang sehr überrascht, aber auch glücklich: "Ah, endlich bist du nach Hause gekkomen, mein Sohn. Wie geht dir denn?"
"Mir geht es gut," antwortete Jürgen,"...und...wie geht es Dir?"
"Alles in Ordnung. Hast du vor, nach Hause nach Rothenburg zu kommen?"
Jürgen schluckte. Mit unsicherer Stimme sagte er:"Ich möchte am Weinachtsabend so gern bei dir sein, aber ich würde das Fest gern mit der ganzen Familie feiern. Wäre dir das recht?"
Er hörte, wie seine Mutter tief luft holte. Dann sagte sie: "Hör zu, mein Sohn. Vier jahre lang habe ich Weinachten alein gefeiert. Zwar war deine Schwester Helga vor zwei Jahren in Rothenburg, aber nur kurz. Und das auch nur zufällig, weil ihr Mann hier in der Nähe, in Hamburg etwas zu erledigen hätte"
"Na, dann stelle dich mal auf eine Familienfeier in diesem Jahr ein," atnwortete Jürgen,"und bitte denk nicht mehr an die traurigen vergangenen Jahre"
Seine Mutter antwortete nichts darauf, sie lachte nur kurz, was immer dies zu bedeuten hatte. Aber schließlich war seine Mutter einverstanden, daß die Familienfeier, die Jürgen vorbereiten wollte, in ihrem Haus stattfinden würde.
Zufrieden mit der Antwort seiner Mutter ging Jürgen auf den Flur deiner Wohnung, wo sein lange nicht benutztes Fahrrad abgestellt war. er nahm das Rad, trug es die Treppe hinunter. Dann schwang er sich auf den Sattel und setzte sich in Richtung mainzer Straße in Bewegung. Die Luft war ziemlich kühl, nur ungeführ 14 Grad, und seine Gesichtshaut spannte von dem starken Wind.
Nach fünfzehn Minuten hatte Jürgen sein Ziel erreicht. Für einen Moment betrachtete er das fünfstöckige Gebäude, das sich kaum verändert hatte, seit er das letzte Mal dort gewesen war. Auf der linken Seite der Hauswand, unmittelbar neben dem dunkelgrün gestrichenen Tor, befand sich eine Klingelanlage mit verschiedenen Namen. Mindestens zwölf Familien bewohnten das Haus. Jürgen beugte sich nach vorn und suchte den ihm wohlvertrauten Namen: Stephanie Spiegel. Dann betätigte er den Klingelknopf, und kurze Zeit darauf hörte er die Stimme Stepanies über die Sprechanlage.
"Hier ist Jürgen," rief er ziemlich lauter Stimme.
"Oh, du bist es," klang Stephanies Stimme überrascht,"Bitte komm doch herein!"
Das Tor öffnete sich automatisch. Jürgen lenkte sein Fahrrad auf den Hof und stellte es dort ab. Danach stieg er die Treppen hoch bist zum füften Stock. Als er vor Stephanies Tür ankam, war er völlig außer Atem. Noch einmal drückte er auf den klingelknopf. Eilige Schritte näherten sich die Tür, sie würde geöffnet und dann stand Stephanie vor ihm. Das Gesicht seiner ex-Frau wirkte verändert, sie erchien ihm kleiner ales er sie in Errinerung hatte. Sie sah blaß aus und schaute ihn mit weitgeöffneten Augen an.
"Da bin ich," sagte Jürgen dann.
Stephanie brach in lautes Lachen aus, alle Streifheit fiel vor ihr ab. Sie umarmten sich für einen Moment. "Du siehst verändert aus, Jürgen,"sagte Stephanie, nachdem sie sich an Eßtisch zu einer Tasse Kaffe gesetzt hatten. "Deine Hautfarbe ist sehr dunkel geworden und dein Gesicht erscheint mir etwas fremd"
"Ich habe vier Jahre in einem sonnenstrahlintensiven Land gelebt," sagte Jürgen,"da ist es nur natürlich, daß meine Haut dunkel geworden ist. Aber Ich mag es"
Eine Stunde saßen sie beim Kaffee zusammen. Jürgen erzählte von seiner Arbeit in Südafrika, für die der Vertrag zu verlängern und Anfang des kommenden Jahres nach Südafrika zurückzukehren. Stephanie berichtete über ihre Arbeit als Tanzlehrerin und natürlich über die Entwicklung ihres gemeinsamen Kindes, das in diesem Jahr sechs Jahre alt geworden war. Jürgen war berührt von der Erzählung seiner Ex-Frau. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er seiner kleinen Tochter zuletzt einen Brief geschrieben hatte. Mindestens einmal im Monat hatte er ihr eine Ansichtskarte geschickt, aber er war sich nicht sicher, ob er seit ihrer schmerzlichen Trennung vor vier Jahren jemals an Stephanie geschrieben hatte.
Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt konnte sich Jürgen auch nicht die Frage beantworten, wer denn eigentlich schuld war an der Trennung. Stephanie hatte es seinerzeit abgelehnt, mit ihm nach Südafrika zu gehen, für Jürgen war die Stelle jedoch der Job, von dem er immer geträumt hatte. Deshalb kamen sie überein, sich zu trennen und sich zu einem späteren Zeitpunk scheiden zu lassen. Jürgen liebte die Arbeit in Südafrika sehr, und kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland hatte er beschlossen, die Verlängerung seines Vertrages um weiterer vier Jahre zu beantragen. Er hatte wohl die Hoffnung aufgegeben, mit Stephanie und seine Tochter in Berlin wieder als eine glückliche Familie zusammenzuleben. Aber wenigstens wollte er mit Stephanie und Laila gemeinsam Weinachten in Rothenburg feiern.
"Hast du zu Weinachten schon etwas vor?" fragte Jürgen dann.
"Wir wollten eigentlich in Berlin bleiben," sagte Stephanie,"aber ofensichtlich steht es fest, daß meine Schwester die in Spanien lebt wird nach Deutschland und Weinachtsabend mit meine Eltern in Münster verbringen. Na, Ja, die warscheinlichkeit ist Ich mit Laila auch in Münster feiern"
"Ich habe einen Vorschlag" sagte Jürgen,"Ich will Weinachten in Rothenburg beim meine Mutter verbringen. Es ist nicht nur für Weinachten, sondern auch eine kleine abschied feiern für meine Rückkehr aus Afrika sowie meine zweite Abreise dorthin. Wenn du mit Laila kommen könntest..."
"Du gehst zurück nach Afrika?" fragte Stephanie überrascht.
Jürgen wich ihrem scharfen Blick aus und sah aus dem Fenster. Er wußte und spürte, daß seine Ex-Frau zum zweiten Mal enttäusch war. Er erinnerte sich noch sehr gut, wie traurig es war, als sie sich vor vier Jahren trennten und Stephanie Jürgen allein nach Südafrika fliegen ließ. Allein, einsam und bedrückt warer damals ohne Stephanie und Laila in ein fremdes Land gegangen. Eigenartigerweise fühlte er sich jetz sogar in seiner eigenen Heimatstadt fremd.
"Überlege es dir gut," sagte Jürgen bevor er sich verabschiedete.
Stephanie hatte sich noch nicht entscheiden können, ob sie Jürgens Einladung würde annehmen können oder nicht. Leicht enttaüscht verließ Jürgen ihre Wohnung. Er fuhr mit seinem Rad richtung Postamt. Dort verfaße er zwei Einladungsbriefe. Einen an seine Schwester Helga, die in Dortmund wohnte und einen an seinen Vater und seine Stiefmutter in Hamburg. Jürgen wollte sie nicht anrufen und betteln, daß sie alle nach Rothenburg kämen. Nein, er wollte nicht schon wieder enttäuscht werden so wie eben bei Stephanie. Er hielt es für besser, einfach auf eine Antwort von Helga und seinem Vater zu warten oder einfach zu sehen, ob sie in Rothenburg auftauchen würden oder nicht.
Nachdem er die beiden Einladungen in den Briefkasten eingeworfenhatte, machte er sich mit seinem Fahrrad wieder auf den Weg, diesmal war das Stadtzentrum sein Ziel. Kurz darauf erreichte er das Kaufhaus Karstadt, in dem sein Bruder arbeitete. Nachdem er sein Fahrrad angeschlossen hatte, betrat er das Kaufhaus. Er achtete nicht darauf, wie das Regenwasser von seiner nassen Jacke auf den Fußboden tropfte. In der dritten Etage, wo es die Herrenbekleidung gab, sah er, wie Joachim hin und her ging und die Situation im Verkaufsraum überwachte. Als Etagenaufsicht gehörten häufige Rundgänge zu Joachim’ Obliegenheiten, um sich zu vergewissern, daß alles in Ordnung war.
„Hallo, Bruder,“ rief Jo, als Jürgen auf der Rolltreppe auftauchte.Rasch näherte er sich.
Die Brüder umarmten sich, bevor Joachim Jürgen plötzlich abrupt losließ und die Nässe von seinem eleganten Jacket abstreifte. „Du hastmich naß gemacht, Jürgen,“ rief sein jungerer Bruder halb scherzhaft.
Sie gingen zu einer kleinen Cafeteria, die sich auf der gleichen Etage befand. Jürgen gab ein paar Höflichkeitsfloskeln von sich, fragte, wie es dem Bruder, der offensichtlich eleganter als früher geworden war, ginge. Joachim seinerseits staunte darüber, wie sehr sein Bruder an Reife gewonnen hatte.
„Sieh an, du hast viele graue Haare an beiden Schläfen bekommen,“rief ihm und deutete auf Jürgens Kopf. „Und deine Stirn zeigt zwei scharfe Linien. Wie alt bist du denn jetzt eigentlich?“
„Im vergangenen Monat bin ich 32 geworden,“ erwiderte Jürgen kurz.
Er sah, wie Joachim den Kopf schüttelte, als ob er ihm sein Alter nicht abnehmen wollte:“Ernsthaft, Jürgen, du siehst viel Jahre älter aus, als du in Wirklichkeit bist.“
Nachdem sie Alter und Aussehen diskutiert hatten, lenkte Jürgen das Gespräch auf die Arbeit, die Freundin und kam alsdann auf den Plan für Weihnachten in Rothenburg zu sprechen. Er bemerkte, wie Jo’ Stirn sich kräuselte, als er den Bruder einlud. Joachim schüttelte leicht den Kopf, bevor er sagte:“Ich kann nicht nach Rothenburg kommen, da ich bereits mit meiner neuen Freundin Gabi verabredet habe, Weihnachten zusammen mit ihr und ihrer Familie in Berlin zu feiern. Tut mir leid.“
Das war es wohl. Jürgen hatte sich bemüht, die Familie, deren Mitglieder bislang alle mit sich selbst beschäftigt gewesen waren, zusammenzubringen und gemeinsam Weihnachten im Haus der Mutter zu feiern. Leider waren seine Bemühungen offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt. Es blieb nur noch eine Woche bis Weinachten, von seiner Schwester Helga hatte er immer noch keine Antwort erhalten. Von Stephanie ebensowenig. Sein Vater war unschlüssig, ob er kommen sollte oder nicht. Er befürchtete, daß Jürgens Mutter nicht erfreut sein würde, Jutta, seine zweite Frau, zu treffen. Aber es würde trotzdem Weihnachten werden und Jürgen war entschlossen, auf jeden Fall nach Rothenburg zu fahren. Zumindest könnte er seiner Mutter in der Stadt, in der er geboren worden war, Gesellschaft leisten.
Am Sonnabend vor Weihnachten war das Wetter in Rothenburg noch immer miserabel. Einige der Hauptstraßen war von einer dicken Schneeschicht bedeckt, der Sturm hatte mehrere Bäume umgeknickt.Als Jürgen bei seiner Mutter Christina eintraf, war sie gerade dabei, Brötchen zurechtzumachen. Mit ihren 67 Jahren sah sie gesund und fröhlich aus. Ihre Augen wurden feucht, als Jürgen, ihr großer und starker Sohn, in der Tür zur Küche stand. Lange umarmten sie sich.
„Dein Vater kommt heute mittag,“ sagte Christina zu Jürgen, „gestern morgen hat er angerufen.“
„Kommt er allein?“ fragte Jürgen, während er seine Stiefel auszog, dann ging er zum Herd und setzte Teewasser auf.
„Nein,“ antwortete seine Mutter, „er bringt Jutta mit.“
Jürgen vermied es, seiner Mutter ins Gesicht zu sehen, als sie den Namen Jutta erwähnte. Aber dies war eine Sache zwischen den beiden Frauen. Jürgen konnte nur hoffen, daß seine Mutter inzwischen den Schmerz der Scheidung, die nunmehr über zwölf Jahre zurücklag, überwunden haben würde.
Gegen dreizehn Uhr traf Jürgens Vater mit Jutta ein. Jürgen öffnete ihnen die Tür und bat sie, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, während er den Kaffee zubereitete. Jürgen ging in die Küche und sagte zu seiner Mutter: „Vater ist da.“
„Oh!“ Seine Mutter wirkte etwas nervös. Dann ging sie zum Wohnzimmer. Jürgen blieb allein in der Küche zurück. Während er sich um den Kaffee kümmerte, berührte jemand seine Schulter. Er blickte nach links und sah seinen Vater, der ihn neugierig musterte.
„Es geht dir gut, nicht wahr?“ fragte der Vater.
Jürgen hob die Schultern. „Wie du siehst, ja. Meine Arbeit in Afrika macht mir großen Spaß. Im kommenden Jahr werde ich an einem neuen Projekt mitwirken, auch auf dem Gebiet Bewässerungsanlagenbau,jedoch in einer noch abgelegeneren Gegend als der vorherigen.“
Sein Vater nickte mit dem Kopf. Jürgen füllte zwei Tassen mit Kaffee,eine davon reichte er seinem Vater, die zweite für Jutta trug er selbst zum Wohnzimmer. Auf dem Weg dorthin blieben die Männer plötzlich einen Moment im Korridor stehen. Sie sahen einander eine Weilesprachlos an. Sie hörten, wie sich Jutta und Christina ungezwungen unterhielten, zuweilen wurde ihr Gespräch durch ein Lachen unterbrochen, und beide machten witzige Bemerkungen zu einem bestimmtenThema. Nach zwölf Jahren hatten sie endlich ihre Feindschaft begrabenund konnten normal miteinander umgehen. Kommentarlos übergab Jürgen seinem Vater den für Jutta bestimmten Kaffee. Der verstand sofort und betrat wortlos das Wohnzimmer. Jürgen wollte die Drei allein lassen, damit sie miteinander ins Reine kommen könnten. Später ging er auf den Hof hinaus und sah ein Taxi, das soeben vor dem Haus gehalten hatte. Er traute seinen Augen nicht, als er Stephanie und Laila aus dem Taxi steigen sah. Sie hatten einen Koffer bei sich. Spontan lief Jürgen zu ihnen und umarmte Laila, die sich freudig an ihn hängte.
„Papa! Papa!“ rief Laila, „ich freue mich so, dich zu sehen.“
Er küßte seine kleine Tochter, dann wandte er sich Stephanie zu. „Bist du gekommen, weil es Lailas Wunsch war?“ fragte er leise.
„Nein,“ antwortete sie. „Ich bin gekommen, weil ich viel nachgedacht habe, seit du vergangenen Monat bei mir zu Hause warst. Ich habe überlegt, ob ich wohl meinen Egoismus überwinden und doch mit dir nach Afrika gehen könnte. Wenn Laila dadurch glücklich würde, könnten wir es dann nicht auch sein?“
Jürgen war so überrascht, daß es ihm die Sprache verschlug. Er schaute in Stephanies Gesicht, das er so lange vermißt hatte und das für ein paar Jahre gezwungenermaßen fern von ihm gewesen war, weil beide Seiten auf ihren individualistischen Interessen beharrten. SeineAugen waren feucht.
„Ich danke dir, Steffi,“ sagte er dann mit zitternder Stimme. „Ich liebe dich.“
Stephanie lächelte. „Ich liebe dich auch, Jürgen.“
Sie sahen einander einen Moment in die Augen. Jürgen verstand, was dies bedeutete und daß die Worte seiner Ex-Frau ernst gemeint waren.Zärtlich umfaßte er ihre Schulter, und zu dritt gingen sie zum Haus. Gerade als Jürgen die Eingangstür für Stephanie öffnen wollte, fuhr plötzlich ein VW Golf mit lautem Hupen auf den Hof.
Durch den Lärm aufmerksam geworden, blieben Jürgen, Stephanie und Laila vor der Tür stehen. Kurz darauf kamen auch Jürgens Mutter und Jutta, gefolgt von Jürgens Vater, eilig zur Tür. Das Fenster des Pkws wurde geöffnet und es erschien das Gesicht Helgas, die fortwährend lachte.
“Überraschung!“ rief sie. Neben ihr saß ihr Mann Klaus. Er winkte, um kundzutun, daß er auch da sei.
Jürgen konnte nur den Kopf schütteln, als er seine Schwester sah. „Warum hast du uns denn nicht angerufen?“ fragte er, während er sich dem Auto näherte.
„Ich habe doch gesagt, es sollte eine Überraschung für euch sein,“ erklärte Helga, als sie gemeinsam mit Klaus aus dem Auto stieg.
„Wie geht es dir, Bruder?“fragte Helga, während sie Jürgen umarmte.
„Gut,“ antwortete Jürgen. „Kommt herein. Wir essen gemeinsam zu Mittag.“
“Kommt Joachim auch?“
Jürgen schüttelte den Kopf. "Er hat etwas anderes vor mit seiner Freundin.“
“Wer ist es denn diesmal?“ fragte Helga. „Jedesmal, wenn ich ihn getroffen habe, hatte er eine andere. Irgendwann wird er mal bestraft werden für sein Lotterleben.“
Gegen vierzehn Uhr hatte sich die Familie zum Essen versammelt. Jürgens Mutter hatte verschiedene belegte Brote, Hühnersuppe, diverse Sorten Käse, Bauern Salat und in Scheiben geschnittenen geräucherten Schinken und Lachs vorbereitet. Jutta hatte selbstgebackenen Apfelkuchen, Helga Sekt und Wein mitgebracht. Jürgen fiel ein, daß er aus Südafrika Bier mitgebracht hatte und er ging in sein Zimmer, um es zu holen. Plötzlich klingelte das Telefon. Er nahm den Hörer ab und hörte die Stimme seines Bruders am anderen Ende.
„Entschuldigung, ich komme etwas später!“ Joachim schrie fast in die Leitung, es hörte sich an, als ob er aus einer Telefonzelle von unterwegs anrief. „Ich komme mit dem Auto nicht weiter, weil es durch den Schnee so glatt ist, ich bin ungefähr einen Kilometer von Mutters Haus entfernt. Ich werde versuchen, zu Fuß zu gehen.“
“Nicht doch,“ sagte Jürgen, „ich komme dich abholen. Wo genau bist du denn jetzt?“
„Borcheler Damm, nicht weit von der Ecke Kattenstraße,“ antwortete Joachim.
„Gut, warte dort,“ sagte Jürgen. „Bist du eigentlich allein oder bringst du deine Freundin mit?“
Er hörte seinen Bruder jammern: „Meine Güte, wenn ich noch mit ihr zusammen wäre, könnte ich nicht nach Rothenburg kommen. Vor einer Woche hat sie mich in die Wüste geschickt. Bitte Jürgen, beeile dich und hol mich ab!“
Jürgen lächelte, als er die Geschichte seines Bruders hörte. Er legte den Hörer auf, griff nach seiner Jacke und den Autoschlüsseln. Bevor er das Haus verließ, hielt er einen Moment innen. Er sah die ganze Familie am Eßtisch versammelt.
"Ich bin kurz außer Haus, um Moritz abzuholen,“ sagte er. „Laßt es euch schmecken.“
Rothenburg, Oktober 1996